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Stich- und Schnittverletzungen im Elektrohandwerk

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Handverletzungen stehen an der Spitze der Arbeitsunfälle
Handverletzungen stehen an der Spitze der Arbeitsunfälle (Bildquelle: tommaso79/iStock/Thinkstock)

Beim Thema Unfallgefahr für Elektroberufe denkt jeder sofort an Stromunfälle oder Störlichtbögen. Diese Gefahren sind zweifellos vorhanden und müssen minimiert werden, z.B. durch sichere Verhaltensweisen gemäß den 5 Sicherheitsregeln. Doch wer allein auf Elektrounfälle fokussiert, übersieht leicht, dass bei Elektroarbeiten weitere Verletzungsrisiken lauern. Am häufigsten betroffen sind die Hände.

Mehr als jede dritte Verletzung im Beruf betrifft die Hände

Die Hände sind das am häufigsten verletzte Körperteil. Handverletzungen führen damit die Statistiken der Unfallversicherungsträger an, bei mehr als jedem dritten meldepflichtigen Arbeitsunfall werden die Hände verletzt (DGUV Arbeitsunfallgeschehen 2016). Auch in den Unfallstatistiken der für die meisten Elektroberufe zuständigen BG ETEM liegen Verletzungen von Händen und Fingern ganz vorn.

Handverletzungen führen oft zu Einschränkungen in Beruf und Privatleben. Spätestens jetzt wird bewusst, wie elementar eine funktionsfähige Hand für unseren Alltag ist. Dieses Wunderwerk aus Dutzenden von Muskeln, Sehnen und Knochen ist unser wichtigstes Arbeitswerkzeug mit unglaublich vielen Einsatzmöglichkeiten. Wir bedienen damit Skalpelle und Schmiedehämmer, Bleistifte und Lenkräder. Wir zupfen Saiten, führen Pinsel und streicheln Haut. Mit den Händen be-greifen und gestalten wir unsere Welt.

Auch für den Schutz vor Handverletzungen gilt die TOP-Rangfolge

Die größte Gefahr für Finger und Hände bei Elektroarbeiten droht durch mechanische Risiken. Je nach Arbeitsplatz und Arbeitsumgebung müssen Sie in Ihrer Gefährdungsbeurteilung jedoch auch weitere Risiken berücksichtigen, etwa durch heiße Oberflächen, Kontakt mit Chemikalien (Gefahrstoffe) oder mit infektionsgefährlichen Substanzen (Biostoffe) usw.

Wie für andere Gefährdungen im Arbeitsschutz gilt auch für mechanische Risiken die TOP-Reihenfolge bei den Schutzmaßnahmen. Das bedeutet: Bevor Sie pauschal Schutzhandschuhe an Ihre Mitarbeiter (personenbezogene Maßnahme) verteilen, sollten Sie geprüft haben, ob Sie eine Verletzungsgefahr durch technische Lösungen oder organisatorische Schritte vermindern können. Zu den technischen Maßnahmen gehört z.B., dass der Arbeitsplatz gut ausgeleuchtet ist oder dass sämtliche Schutzeinrichtungen an Maschinen vorhanden sind und funktionieren. Dazu wie auch zum Verwenden von Hilfsmitteln, etwa dem Schiebeholz bei einer Kreissäge zum Schutz der Hände, müssen die Mitarbeiter unterwiesen werden. Diese Verhaltensregeln, die auch in Betriebsanweisungen festgelegt werden, zählen zu den organisatorischen Maßnahmen, ebenso Tragegebote für Handschutz.

Die meisten Handverletzungen passieren mit manuellen Werkzeugen wie Hämmern, Messern, Schraubendrehern usw. Eine der wichtigsten Schutzmaßnahmen besteht daher darin, dass Sie stets geeignete Werkzeuge bereitstellen und Ihre Mitarbeiter zu Auswahl und Handhabung unterweisen. Wer bei Installationsarbeiten einen Cutter benutzt, weil gerade kein geeignetes Abisolierwerkzeug zur Hand ist, kann sich schmerzhaft verletzen. Werden dann noch Nerven oder Sehnen geschädigt, ist es mit einem Pflaster nicht getan und der Mitarbeiter fällt vielleicht für einige Zeit ganz aus. Stets das am besten geeignete Werkzeug zu verwenden, was im optimalen Fall über Schutzmechanismen wie die Klingenschutzkappe eines Messers verfügt, trägt entscheidend zur Prävention von Handverletzungen bei.

Nur der richtige Schutzhandschuh bietet Schutz

Wo Verletzungsgefahren drohen, die nicht technisch oder organisatorisch in den Griff zu kriegen sind, werden Schutzhandschuhe unverzichtbar. Handschuhe schützen am Arbeitsplatz nicht nur vor Schnitten und Stichen, sondern auch vor Schmutz, Kälte, Hitze, Feuchtigkeit, Chemikalien, Infektionen, Vibrationen oder weiteren Gefährdungen. Schutzhandschuhe zum Schutz vor mechanischen Verletzungen bieten einen Schnittschutz und/oder Stechschutz. Schnittschutzhandschuhe gibt es in unterschiedlichen Ausführungen und Materialien, von Leder bis Kunstfasern, wasserdicht oder atmungsaktiv, mit glatter oder rauer Oberfläche. Stechschutzhandschuhe bestehen meist aus einem Geflecht kleiner Metallringe. Daneben gibt es Handschuhtypen zum Schutz vor Kälte oder Hitze, Chemikalienschutzhandschuhe, medizinische Untersuchungshandschuhe und viele andere Spezialmodelle.

Konkrete Tragepflichten für bestimmte Handschuhe sind im technischen und im berufsgenossenschaftlichen Regelwerk eher selten. Wann und wo bei welcher Tätigkeit ein Schutzhandschuh getragen werden soll, legen Sie anhand Ihrer Gefährdungsbeurteilung fest, am besten in Absprache mit der Fachkraft für Arbeitssicherheit. Kriterien zur Handschuhwahl sind z.B.:

  • Welche Art von Schutz ist wichtig? Vor Stichen durch spitze Gegenstände, vor Schnitten durch Messer, vor scharfen Kanten oder Graten von Metallteilen, vor Abschürfungen an rauen Materialien, vor Stößen bei Montagearbeiten?
  • Wie wichtig sind die Beweglichkeit des Daumens und der Finger?
  • Spielt das Tastgefühl der Finger für die Tätigkeit eine Rolle?
  • Benötigt der Mitarbeiter für seine Arbeit einen besonders guten Grip, z.B. durch Noppen?

Hinweis: Bei einigen Handschuhmaterialien kann es zu allergischen Hautreaktionen kommen. In diesem Fall müssen Sie auf ein anderes Modell und Material ausweichen, das jedoch das gleiche Schutzniveau bieten sollte.

Tragepflichten sollten eindeutig sein

Jeder Mitarbeiter sollte wissen, für welche Arbeiten er welchen Schutzhandschuh überziehen muss. Dies vermitteln Sie durch das Kennzeichnen von Arbeitsbereichen mit Tragegeboten (s. Abbildung), das Unterweisen und ggf. ausgehängte Betriebsanweisungen.

Gebotszeichen „Handschutz benutzen“
Gebotszeichen „Handschutz benutzen“ (Bildquelle: Symbolekatalog, WEKA MEDIA)

Tipp: Testen Sie vor dem Kauf neuer Handschuh-Chargen verschiedene Modelle und Hersteller, am besten mit der eigenen Belegschaft. Wenn Sie Ihre Mitarbeiter bei der Handschuhwahl einbinden, kann das die spätere Trageakzeptanz deutlich fördern.

Schutzhandschuhe müssen sitzen

Genau wie ein Schuh in der falschen Größe zu Druckstellen, Blasen, Abschürfungen und anderen Wunden am Fuß führt, kann auch der falsch gewählte Handschuh unangenehme Folgen haben. Wo Handschuhe nicht in den geeigneten Größen und Passformen vorliegen, müssen sich die Sicherheitsverantwortlichen nicht wundern, dass der Handschutz von den Mitarbeitern nur ungern getragen wird.

Seit 2017: Neue Kennzeichnung von Schutzhandschuhen

Die Prüfkriterien für Handschuhe mit mechanischen Schutz sind in der DIN EN 388 festgelegt. Seit Januar 2017 gilt eine neue Version dieser Prüfnorm. Die Prüfverfahren wurden erweitert und ergänzt, wodurch sich auch die Handschuhkennzeichnung geändert hat.

Kennzeichnung von Schutzhandschuhen
Kennzeichnung von Schutzhandschuhen (Bildquelle: Symbolekatalog, WEKA MEDIA)

Wie gewohnt besteht die neue Kennzeichnung aus dem Hammer-Piktogramm, nun gefolgt von einer 6-stelligen Folge von Ziffern und Buchstaben. Die ersten 4 Stellen sind gleich geblieben, neu sind die Stellen 5 und 6.

So entschlüsseln Sie die neue Kennzeichnung:

  • An erster bis vierter Stelle stehen Ziffern von 1 bis 4 oder 5, die das Schutzniveau in den Kategorien Abrieb, Schnitthemmung, Weiterreißen und Stichhemmung angeben. Je höher die Ziffer, desto besser der Schutz.
  • An fünfter Stelle kommt ein Buchstabe A bis F, der für eine zusätzliche Schnitthemmung hochfester Materialien steht. Je weiter im Alphabet, desto besser.
  • An Stelle 6 steht ein P, wenn der Handschuh Schutz vor schlagenden Bewegungen bietet, etwa durch eine Aufpralldämpfung gegen Stöße bei Montagearbeiten.

Auch in Elektroberufen sollten die Sicherheits- und Personalverantwortlichen niemals die Risiken für Stich- und Schnittverletzungen unterschätzen. Unfälle passieren häufig und die Folgen können schmerzhaft und langwierig sein. Wo technische und organisatorische Maßnahmen nicht greifen, bietet der PSA-Markt eine breite Auswahl an Schutzhandschuhen gegen mechanische Verletzungen. Dazu müssen die Handschuhe jedoch getragen werden, das beginnt mit einem guten Vorbild der Vorgesetzten.

Autor: Dr. Friedhelm Kring

Friedhelm Kring

Dr. Friedhelm Kring - freier Lektor, Redakteur und Fachjournalist mit Schwerpunkt auf Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz.

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