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Unfallbericht: Instandsetzung ohne Arbeitserlaubnis ausgeführt

(Kommentare: 2)

Trotz der fehlenden Arbeitserlaubnis setzen die Monteure den Druckluftantrieb instand.
Trotz der fehlenden Arbeitserlaubnis setzten die Monteure den Druckluftantrieb instand. (Bildquelle: Shinyfamily/iStock/Thinkstock)

Arbeitsauftrag

In einem 10-kV-Umspannwerk waren Störungen an zwei Trennschaltern festgestellt worden. Drei Monteure erhielten den Auftrag, Revisionsarbeiten an den Schaltern durchzuführen. Die Arbeiten sollten im freigeschalteten Zustand ausgeführt werden.

Unfallhergang

Die Revisionsarbeiten wurden den Kunden angekündigt, dadurch konnten die beiden Zellen freigeschaltet und die Revisionsarbeiten ausgeführt werden.

Nach Beendigung der Revision sollte der übliche Schaltzustand wiederhergestellt werden. Dazu mussten alle Abgänge wieder von Sammelschiene II auf Sammelschiene I umgeschaltet werden. Dies sollte unterbrechungsfrei erfolgen. Die eingebauten Trennschalter sind druckluftangetrieben und können nur vor Ort an der Schaltzelle betätigt werden.

Das durchzuführende Schaltprogramm erfolgte entsprechend den Kommandos aus der Netzleitstelle über Funktelefon. Die Umschaltungen wurden durch den Schaltberechtigten telefonisch wiederholt und danach die Schalthandlungen ausgeführt. Beginnend von der ersten Zelle wurde bei jeder Zelle der Umschaltvorgang durchgeführt, d.h. jeweils nach den Kommandos "Schließen des Sammelschienen-Trenners I" und "Öffnen des Sammelschienen-Trenners II". Bei allen notwendigen Umschaltungen der Trenner in den einzelnen Schaltzellen gab es keine Probleme. Die Trennschalter funktionierten zuverlässig, bis in einer Zelle Probleme auftraten.

Beim Einschalten eines weiteren Trenners der Sammelschiene I wurde der Schaltvorgang nicht richtig ausgeführt. Die üblichen Druckluftgeräusche der Schalthandlung waren nicht zu hören. Der Schaltberechtigte informierte die Netzleitstelle, dass die Monteure den Fehler beheben wollten.

In die Schaltzelle wurde eine isolierende Schutzplatte eingeschoben, um unter Spannung stehende Teile nach oben hin abzuschranken. Ein Monteur versuchte nun, mit einem Schraubenschlüssel das Druckluftrohr zu lösen und die Verstopfung zu beseitigen. Beim weiteren Verbiegen des Rohres mit dem Schraubenschlüssel kam er aber zu nah an Leiter 3 des Trenners und löste mit dem Schlüssel einen Erdschluss und nachfolgendem 3-poligen Kurzschluss aus. Der ausführende Monteur und die daneben stehenden Kollegen erlitten zum Teil schwere Brandverletzungen.

Unfallanalyse

Für die zusätzlichen Arbeiten zum Instandsetzen des Druckluftantriebs bestand keine Arbeitserlaubnis. Die eingesetzte isolierende Schutzplatte schütze nicht gegen die von unten anstehende Spannung. Keiner der Monteure griff rechtzeitig ein, obwohl ihnen die Gefahr hätte bewusst sein müssen. Es liegt ein Verstoß gegen § 6 der DGUV Vorschrift 3 „Elektrische Anlagen und Betriebsmittel“ vor.

Autor: Dr.-Ing. Jens Jühling

Jens Jühling

Dr.-Ing. Jens Jühling - Leiter der Abteilung Prävention der BG ETEM

Jens Jühling ist Technischer Sekretär der Internationalen Sektion Elektrizität der IVSS (Internationale Vereinigung für soziale Sicherheit) und seit 2006 Leiter der Abteilung Prävention.

Seit vielen Jahren arbeitet er im Normungsbereich „Arbeiten unter Spannung“ mit. Derzeit ist er Obmann des Normungskomitees K214 und deutscher Vertreter in der Live Working Association.

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Kommentare

Von Lothar Brungs |

Nach meinem Ermessen ist die Arbeitserlaubnis insofern wichtig und nicht zweitranig da vor jeder Arbeitserlaubnis eine Arbeitsvorbereitung getroffen wird. Wenn diese korrekt ausgeführt wäre, wäre die Gegenseite gesichert gewesen. Der Sinn der Arbeitserlaubnis ist nicht ein Dokument in der Hand zu halten sondern im Vorfeld einer durchzuführenden Arbeit in Ruhe alle Arbeitvorgänge zu überdenken und evtl. Gefahren zu erkennen. Mit einer ordentlich durchgeführten Arbeitvorbereitung (das Ergebnis der Arbeitvorbereitung ist dann u.a. die Arbeitserlaubnis) und durch das Einhalten der 5 Sicherheitsregeln wäre dieser Unfall vermieden worden.
Eine Anmerkung zur Sicherheitsregel "Spannungsfreiheit feststellen". Ich prüfe zuvor IMMER ob das Messgerät welches ich verwende auch funktionstüchtig ist. Ich finde das kann man nicht oft genug betonen.

Von Karl-Heinz Kreutzberger |

Kommentar : Es reicht nicht aus die Zellen freizuschalten, es muss auch das System indem sich die Trennschalter befinden freigeschaltet gesichert und geerdet sein. Zusätzlich muss auf der Gegenseite (wenn es eine Verbindung) ist, das Feld gesichert sein.
Kommentar: Das Arbeiten ohne Arbeitserlaubnis ist hier zweitrangig.
Hier wurden grundsätzliche Fehler begangen,

Wenn an einem Trennschalter in einem System gearbeitet werden muss , muss das Feld freigeschaltet gesichert und geerdet werden, die Gegenseite muss gesichert werden und das System indem sich der Trennschalter befindet muss freigeschaltet gesichert und geerdet werden. Zusätzlich muss in dem unter Spannung stehende benachbarten System eine Isolierplatte eingelegt werden (benachbarte unter Spannung stehende Teile abdecken, abschranken)

Bei solchen Arbeiten, wenn es sich um Wiederinbetriebnahmen bzw. Umschaltungen handelt sollte ein Schaltberechtigter anwesend sein der auch Arbeitsanweisungen erteilen darf.

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