Runter geht es immer schnell – Unfallrisiken auf der Leiter

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Unfallrisiken auf der Leiter
Bildquelle: Halfpoint/iStock/Getty Images

Absturzunfälle gehören zu den Unfällen in Ausbildung und Beruf, die die schwersten Folgen haben. Nicht selten enden sie mit bleibenden Verletzungen, einem Leben im Rollstuhl oder sogar tödlich. Auch in einem Elektroberuf bestehen diese Risiken, wie dir das folgende Beispiel zeigt.

Was ist passiert?

Was ist passiert?

Ein Elektriker hatte den Auftrag, an den Wanddurchführungen im Neubau eines Trafohauses einige notwendige Arbeiten durchzuführen.

Unterhalb der Wanddurchführungen befand sich die Aufstiegsluke. Der Elektromonteur legte die Anlegeleiter daher seitlich an und musste sich zum Arbeiten weit zur Seite und von seiner Leiter wegbeugen. Dabei kippte die Leiter um. Der Monteur stürzte durch die offene Luke 8 Meter tief und landete mit schweren Verletzungen im Erdgeschoss.


Was ist hier schiefgelaufen?

Was ist hier schiefgelaufen?

Das Arbeiten in Roh- und Neubauten ist mit besonderen Risiken verbunden, auch für dich als Elektrohandwerker. Denn neben den berufsbezogenen Elektrogefahren gibt es jede Menge anderer Risiken und Unfallgefahren. Eine erhöhte Unfallgefahr besteht immer dann, wenn Stellen mit Absturzrisiken wie Treppenschächte oder Bodenöffnungen nicht ordnungsgemäß gesichert sind. Für diese Sicherung sind der Bauherr und die von ihm beauftragten Baufirmen verantwortlich.

Entscheidend ist, dass solche Unfallrisiken vor dem Beginn deiner Arbeit erkannt und beseitigt werden. Daher müssen die Sicherheitsverantwortlichen für die vorgesehene Aufgabe eine Gefährdungsbeurteilung durchführen, bevor sie dich und deine Kollegen einer möglicherweise riskanten Situation aussetzen.

Wie der Name bereits sagt, sollen damit Gefährdungen im Vorfeld erkannt und beurteilt werden. Du darfst eine solche Arbeit erst dann beginnen, wenn dein Betrieb Schutzmaßnahmen festgelegt und umgesetzt bzw. auf der Baustelle durchgesetzt hat, die die erkannten Risiken beseitigen oder minimieren.

Zu den Schutzmaßnahmen kann z.B. gehören, dass eine offene Bodenluke abgedeckt oder ein offener Wanddurchbruch abgeschrankt wird. Beim Arbeiten auf Flachdächern, z.B. zum Montieren von Blitzschutz- oder Photovoltaikanlagen, müssen alle nicht durchtrittsicheren Stellen abgezäunt oder auf andere Art und Weise gesichert werden. Denn auch bei solchen Dacharbeiten kommt es immer wieder vor, dass Mitarbeiter, auch aus Elektroberufen, durch nicht belastbare Dachplatten oder Lichtkuppeln in die Tiefe stürzen.

Im Vorfeld des oben beschriebenen Unfalls wurden diese Arbeitsschutzpflichten offenbar missachtet und eine Gefährdungsbeurteilung versäumt. Somit gab es auch keine Sicherheitsvorkehrungen. Die dafür verantwortlichen Personen müssen in einem solchen Fall mit unangenehmen Fragen rechnen. Nicht nur die Polizei und die Staatsanwaltschaft werden ermitteln. Auch die Arbeitsschutzbehörden und die zuständige Berufsgenossenschaft werden den Unfallhergang genau untersuchen.


So machst du es besser!

Bevor du in die Höhe steigst

So machst du es besser

Ob per Leiter, per Baugerüst oder per Hebebühne – achte stets auf die folgenden Punkte:

  • Bin ich definitiv hier und heute damit beauftragt, im neu errichteten Treppenhaus nach oben zu gehen? Oder habe ich vielleicht etwas falsch verstanden und die Arbeiten sollen erst später (und nach Absicherung) erledigt werden?
  • Bin ich bei einer Aufgabe in der Höhe zuvor zu den Absturzgefahren und wie ich mich davor schütze unterwiesen worden?
  • Hat man mir die in unserem Betrieb geltenden Sicherheitsregeln zum Arbeiten im Rohbau, zum Benutzen der Leiter oder eines Gerüsts usw. mitgeteilt.

 

Speziell für das Arbeiten auf Leitern gilt:

  • Bin ich sicher, dass ich die am besten geeignete Leiter ausgewählt habe? Weiß ich Bescheid, wann ich z.B. eine Stehleiter und wann eine Anlegeleiter benutzen soll?
  • Habe ich für die Leiter einen sicheren Standort gewählt?
  • Habe ich die Leiter vor dem Benutzen auf offensichtliche Mängel wie beschädigte Sprossen, fehlende Leiterfüße, verbogene Spreizsicherung bei einer Stehleiter usw. gecheckt?

Bei Arbeiten, die mit Absturzgefahren verbunden sind, muss dein Chef zunächst klären, ob du diese Arbeit überhaupt übernehmen darfst. Denn Arbeiten, die mit Unfallgefahren verbunden sind, die ein Auszubildender aufgrund mangelnder Erfahrung nicht erkennen kann, sind für dich gemäß dem Jugendarbeitsschutzgesetz (JArbSchG) tabu. Es gibt aber Ausnahmen, z.B. kann man deinen Azubi-Kollegen bei den Dachdeckern schlecht das Arbeiten auf Dächern komplett verbieten. Und auch als Elektriker wirst du öfter mal auf eine Leiter steigen oder im Neubau arbeiten müssen. Und eine Absturzgefährdung beginnt im Arbeitsschutzrecht bereits ab 1 Meter Höhe.

Du darfst in einem Rohbau erst dann ein oberes Stockwerk betreten, wenn du

1) explizit von einem Vorgesetzten dazu aufgefordert wirst und

2) der Zugang abgesichert ist, z.B. durch Treppengeländer, Abschrankungen.

In diesen Fällen ist eine Leiter tabu

Dass du eine Leiter benutzt statt auf einen Stuhl, einen Palettenstapel oder eine Getränkekiste zu klettern, ist grundsätzlich richtig. ABER: Du darfst eine Leiter auf keinen Fall benutzen,

! wenn deine Leiter nicht sicher steht, z.B. im feuchten Boden einsinken kann, oder wenn sie wackelt oder auf nassem, schmutzigem oder sandigem Untergrund wegzurutschen droht!

! wenn du Werkzeuge und Materialien auf einer Leiter nach oben transportieren sollst und dich dabei nicht mehr richtig festhalten kannst!

! wenn die Leiter hinter einer Tür steht oder an einer anderen Stelle, wo die Gefahr besteht, dass jemand dagegenrennt!

Du darfst (und du musst) in einem solchen Fall die Arbeit verweigern, selbst wenn dich die Kollegen dazu auffordern. Es ist kein Zeichen von Mut, wenn man sich trotz eines mulmigen Gefühls im Bauch an einen unsicheren Aufstieg wagt, sondern ein Zeichen von Dummheit.

Sollte dein unmittelbarer Vorgesetzter kein Verständnis für deine Bedenken zeigen, dann wende dich an eine Vertrauensperson im Betrieb, z.B. den Betriebsrat oder denjenigen, der für deine Ausbildung verantwortlich ist.

  • Autor:

    Dr. Friedhelm Kring

    freier Lektor und Redakteur

    Kring, Friedhelm

    Dr. Friedhelm Kring ist freier Lektor, Redakteur und Fachjournalist mit den Schwerpunkten Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz.

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