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Unfallbericht: Abstand zur Einspeisung unterschätzt

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Wandlermessschrank nach dem Kurzschluss
Wandlermessschrank nach dem Kurzschluss

Arbeitsauftrag

Der Wandlermessschrank in einer Hausverteilung eines Altersheims musste gewechselt werden. Der Netzbetreiber beauftragte mit den Arbeiten einen Elektromonteur. Mit Ausnahme des Kurzschließens der Wandler mit Drahtbrücken sollten diese Arbeiten im freigeschalteten Zustand ausgeführt werden.

Unfallhergang

Der Monteur begann seine Arbeiten mit dem sekundärseitigen Kurzschließen der Wandler, um diese bei dem beabsichtigten Tausch des Messschranks nicht zu beschädigen. Dazu benutzte er Drahtbrücken, die er sich aus 2,5 mm2 Litzendraht anfertigte. Anschließend entfernte er die Sicherungen und schaltete damit den Messschrank frei. Der Austausch des Schranks konnte somit gemäß den fünf Sicherheitsregeln erfolgen.

Nach Beendigung der Arbeiten setzte er die Sicherungen wieder ein. Zum Abschluss mussten nun die Drahtbrücken an den Wandlern wieder entfernt werden. Bei den ersten zwei Wandlern lief das auch ohne Probleme. Beim Entfernen der dritten Drahtbrücke zündete plötzlich ein Lichtbogen über die drei Einspeisephasen. Nach Verdampfen der Litze verlöschte der Lichtbogen wieder sehr schnell, ohne dass eine Sicherung ausgelöst wurde.

Der in der Nähe befindliche Hausmeister des Altersheims ist nach dem Knall durch den Lichtbogen sofort in den Keller gelaufen. Der Monteur hatte aber schon selbst per Handy seinen Vorgesetzten informiert. Der traf mit einem weiteren Kollegen fünf Minuten später an der Unfallstelle ein und transportierte den Verunfallten sofort ins Krankenhaus. Zum Glück hat der Monteur durch den Lichtbogen nur Verbrennungen an den Händen und eine Verblitzung der Augen erlitten.

Unfallanalyse

Der Unfall konnte nicht mehr eindeutig nachvollzogen werden. Es spricht jedoch vieles dafür, dass beim Entfernen der letzten Brücke die Litze einen Kurzschluss über zwei Phasen der Einspeisung verursachte.

Es stellt sich die Frage, wie es überhaupt zu dem Unfall kommen konnte. Die geringe anstehende Leistung auf der Sekundärseite der Wandler versetzte den Monteur in den Glauben, dass keine hohe Gefährdung bei diesen Arbeiten besteht. Ohne Berücksichtigung blieb er deshalb bei seiner Einschätzung, dass sich die blanken Anschlüsse der Stromeinspeisung nur ca. 4 cm von den Anschlüssen der Sekundärseite der Wandler befanden.

Laut Arbeitsanweisung hätten die Einspeisungen vor dem Kurzschließen abgedeckt und für die Arbeiten unter Spannung persönliche Schutzausrüstung getragen werden müssen (§ 8 DGUV Vorschrift 3 „Elektrische Anlagen und Betriebsmittel“ (ehemals BGV A3)). Diese Anweisungen missachtete der Monteur, obwohl alles nötige Abdeckmaterial in seinem Fahrzeug vorhanden war.

Autor: Dr.-Ing. Jens Jühling

Jens Jühling

Dr.-Ing. Jens Jühling - Leiter der Abteilung Prävention der BG ETEM

Jens Jühling ist Technischer Sekretär der Internationalen Sektion Elektrizität der IVSS (Internationale Vereinigung für soziale Sicherheit) und seit 2006 Leiter der Abteilung Prävention.

Seit vielen Jahren arbeitet er im Normungsbereich „Arbeiten unter Spannung“ mit. Derzeit ist er Obmann des Normungskomitees K214 und deutscher Vertreter in der Live Working Association.

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