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Umstritten: Brandschutzschalter nach VDE 0100-420

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Folgen eines Lichtbogens durch lose Klemmverbindungen
Folgen eines Lichtbogens durch lose Klemmverbindungen (Bildquelle: BFE)

Unbestritten ist, dass elektrischer Strom zur Brandursache werden kann. Ebenso wird niemand bezweifeln, dass technische und bauliche Maßnahmen zur Brandprävention das Risiko für das Entstehen und Ausbreiten eines Feuers deutlich verringern können. Dennoch kann es über konkrete Brandschutzanforderungen zum Streit kommen, wie derzeit die Diskussion um die neue DIN VDE 0100-420 zeigt.

Die Anzahl elektrischer Verbraucher in privaten Haushalten ist in den letzten Jahrzehnten enorm gewachsen. Dazu kommt, dass mit dem Trend zum Smart Home immer mehr Gebäudefunktionen vernetzt und an bestehende Elektroinstallationen angeschlossen werden müssen. In Gebäuden aus den 70er Jahren und älter sind die vorhandenen elektrischen Installationen selten auf diese neuen Anforderungen ausgelegt. Veraltete Betriebsmittel und defekte elektrische Systeme werden mitverantwortlich gemacht für viele Brände mit Toten, Verletzten und teils hohen Sachschäden.

Fehlerlichtbögen als Brandursache

Physikalisch betrachtet sind es oft Fehlerlichtbögen, die zur Brandursache werden. Die Gründe für das Entstehen eines solchen Lichtbogens können schon kleinere Beschädigungen sein, zu denen es im Lauf der Jahre oft unbemerkt gekommen ist. Das reicht von gequetschten oder abgeknickten Elektroleitungen, beschädigten Kabelisolierungen oder gelockerten Kontakten in Schaltern bis zu Knabberstellen von Mäusen oder Ratten. Schon bei geringen Stromstärken kann es an Stellen mit defekter Isolierung, gebrochenem Leiter oder Klemmstellen mit erhöhtem Widerstand zu kleinen Glühvorgängen kommen, die auf Dauer zu einem Verkohlen führen. Bei typischen Haushaltsgeräten mit Stromstärken bis etwa 10 Ampere treten am ehesten Lichtbögen auf. Bei noch höheren Stromstärken verdampft das verkohlte Material meist.

Im Gegensatz zu den klassischen Fehlerstrom(FI)-Schutzeinrichtungen erkennen Brandschutzschalter sowohl parallele Lichtbögen (zwischen zwei Außenleitern, zwischen Außenleiter und Neutralleiter oder Erde), als auch serielle Lichtbögen (lose elektrische Verbindung, kein Ableitstrom zur Erde).

Registriert ein Brandschutzschalter einen Fehlerlichtbogen, schaltet er den angeschlossenen Stromkreis sofort ab und unterbindet das weitere Brandrisiko. Nicht ohne Grund sind Brandschutzschalter daher in den USA vorgeschrieben. Eine neue Norm soll ihre Verbreitung nun auch in Deutschland beschleunigen.

Die DIN VDE 0100-420 verlangt AFDDs für bestimmte Räume und Gebäude

Die DIN VDE 0100-420 mit dem Titel „Teil 4-42: Schutzmaßnahmen – Schutz gegen thermische Auswirkungen“ ist im vergangenen Jahr neu erschienen. In dieser Norm geht es um Maßnahmen gegen thermische Auswirkungen durch Betriebsmittel in Niederspannungsanlagen, kurzum die Brandprävention. Ursachen für Brandrisiken können z.B. Wärmestau, Überstrom oder die oben genannten Isolationsfehler sein.

AFDDs sollen die Brandprävention verbessern und Brandfälle verringern.
AFDDs sollen die Brandprävention verbessern und Brandfälle verringern. (Bildquelle: BFE)

Eine der wichtigsten Neuerungen ist die Aufnahme zusätzlicher Anforderungen zur automatischen Abschaltung bei gefährlichen Lichtbögen. Fehlerlichtbogen-Schutzeinrichtungen, im Technik-Jargon auch AFDD genannt (Arc Fault Detection Device), sollen die Brandprävention verbessern und die Zahl der Brandfälle deutlich verringern. Die Norm enthält einen Anhang A mit Informationen zu den unterschiedlichen Ausführungsformen von AFDDs.

Als konkrete Einsatzbereiche, in denen AFDD-Brandschutzschalter installiert werden sollen, benennt die Norm:

  • Schlaf- und Aufenthaltsräume in Kindertagesstätten oder Seniorenheimen
  • Schlaf- und Aufenthaltsräume von barrierefreien Wohnungen nach DIN 18040-2
  • Räume mit Feuerrisiko durch verarbeitete oder gelagerte Materialien (Tischlerei)
  • Gebäude mit brennbaren Baustoffen (Holzhäuser)
  • Räume mit Gefährdungen für unersetzbare Güter (Museen, Lagerhallen)

Die DIN VDE 0100-420 sieht AFDDs für die genannten Gebäudetypen und Räume ab Ende 2017 vor. Sie empfiehlt den Einsatz auch für Endstromkreise, die über Steckdosen Verbrauchsgeräte mit hoher Anschlussleistung (Waschmaschine, Geschirrspüler) versorgen.

Darum steht die DIN VDE 0100-420 in der Diskussion

Sich gegen einen technisch möglichen präventiven Brandschutz zu stellen, ist gewagt. Doch Kritik an den neuen Vorgaben kommt von der Baubranche. Insbesondere Holzbau Deutschland (der Bund Deutscher Zimmermeister im Zentralverband des Deutschen Baugewerbes e.V.) erkennt die DIN VDE 0100-420 nicht als anerkannte Regel der Technik an. Die Kritik entzündet sich an der Forderung, Räume mit überwiegend brennbaren Baustoffen wie etwa Dachstühle, grundsätzlich mit Brandschutzschaltern zu versehen. Eine solche Forderung sollte laut Holzbau Deutschland baustoffneutral formuliert werden. Denn es fehle der Nachweis, dass Fehlerlichtbögen in Kombination mit brennbaren Baustoffen ein erhöhtes Brandrisiko darstellen.

Die Elektrobranche hält dagegen. Beim ZVEH (Zentralverband der Deutschen Elektro- und Informationstechnischen Handwerke) sieht man Brandschutzschalter als sinnvolle Innovation, die mit relativ geringem Aufwand eine Sicherheitslücke schließt. In einer (Ergänzung der Redaktion vom 2017-11-17: nicht mehr online zur Verfügung stehenden) aktuellen Stellungnahme weist der ZVEH darauf hin, dass AFDDs z.B. den verheerenden Brand in der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar verhindert hätten und wichtige Kulturgüter nicht unwiederbringlich zerstört worden wären. Auch die Hersteller von AFDD informieren, wie man die Risiken durch Fehlerlichtbögen durch Brandschutzschalter in den Griff bekommt und betonen dabei eine Pflicht zum Einbau.

Erhöhter Brandschutz, aber keine Rechtsverbindlichkeit

Hinter den unterschiedlichen Standpunkten dürften wirtschaftliche Interessen nicht zu leugnen sein. Wenn eine Norm speziell im Zusammenhang mit dem Baustoff Holz eine spezielle Brandschutzmaßnahme fordert, bedeutet das nicht nur höhere Baukosten gegenüber alternativen Baustoffen. Es suggeriert auch, dass für Holz eine besonders hohe Gefahr bestehe. Zudem verweist der Holzbau-Verband zu Recht darauf, dass die neuen Forderungen nach AFDDs „nur“ als Norm, also privatrechtlich, festgeschrieben seien und ihre Anwendung damit freiwillig bleibt. Eine Aufnahme in das Bauordnungsrecht und damit eine Rechtsverbindlichkeit sei nicht in Sicht. Der ZVEH, dessen Mitgliedsunternehmen die AFDDs einbauen, verweist dagegen ebenso zu Recht auf die Vermutungswirkung der Norm. Wer sich an die DIN VDE 0100-420 hält, arbeite nach den allgemein anerkannten Regeln der Technik. Man rechnet in der Elektrobranche daher damit, dass die Brandschutzschalter schnell eine hohe Akzeptanz im Markt erreichen werden.

Fazit

Sicherheit kostet Geld und ist ein riesiger Markt. Das gilt nicht nur hinsichtlich Brandschutz, auch das Geschäft mit Security-Lösungen für Immobilien, Veranstaltungen und Daten boomt. Von höheren Sicherheitsanforderungen an Technik, Infrastruktur, Gebäude und IT profitieren derzeit viele Branchen, mal mehr die eine, mal mehr die andere. Es wird spannend, zu sehen, wie und wo sich die neuen Brandschutzschalter in den kommenden Jahren durchsetzen werden. Spätestens wenn das nächste Mal ein Gebäude mit vielen Holzbauteilen spektakulär in Flammen steht, dürfte auch die Diskussion um die DIN VDE 0100-420 erneut aufflammen.

Tipp der Redaktion
elektrofachkraft.de - Das Magazin

Für weitere Informationen zur VDE 0100-420:2016-02 empfehlen wir elektrofachkraft.de - Das Magazin.
Darin finden Sie:

Autor: Dr. Friedhelm Kring

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Kommentare

Kommentar von Matthias Schreiber |

Auch mir ist bis heute kein Beispiel bekannt, wo ein AFDD einen Gebäudebrand verhindert hätte. Belastbare Nachweise liegen hierzu weder bei den Herstellern, den Verbänden noch der DKE vor.
Zudem ist jedes Gebäude gesondert zu betrachten. Kein Gebäude gleicht dem anderen. Insofern sind auch Brandrisiko und Sicherheitsbedarf "gebäude- und nutzungsindividuell".
Für öffentliche Gebäude empfiehlt daher der AMEV: Für Räume und Orte gemäß DIN VDE 0100-420:2016-02, Abschnitt 421.7, Aufzählungspunkt a) sollte bei der Planung einer elektrischen Anlage grundsätzlich einzelfallbezogen entschieden werden, ob AFDDs vorzusehen sind. Auf der Grundlage eines auf das Gebäude und die Nutzung bezogenen Schutzkonzeptes ist zu prüfen, ob ein erhöhtes Brandrisiko durch elektrische Leitungen, Anlagen und Geräte besteht. Dazu ist eine Risiko-/Sicherheitsbewertung durchzuführen. Das Prüfergebnis ist zu dokumentieren. (weitere Hinweise: s. Veröffentlichung des AMEV unter http://www.amev-online.de/AMEVInhalt/Planen/Elektrotechnik/EltAnlagen%202015/).

Kommentar von Reimund |

Sehr geehrte(r) S. Alescha,
generell finde ich den angegebenen Preis für 26 Brandschutzschalter in Ordnung. Allerdings solle man hier die technische Unterscheidung machen, ob es sich "nur" um Brandschutzschalter in Verbindung mit dem Sicherungsautomat, oder um die Geräte als FI/LS-Kombination mit Brandschutzschalter handelt. Im letztn Fall = Preis ok., im 1. Fall etwas teuer - immer unter dem Gesichtspunkt nur Brandschutzschalter ohne die Verteilungen.
Zum Thema generell:
Verantwortlich ist nach meiner Meinung de rErrichter, also der Installateur. Egal was der Kunde sagt. Im Schadensfall wird der Staatsanwalt nicht den Hausbesitzer (Anwender), sondern den Verantwortlichen (Errichter) hinzuziehen.....

Kommentar von S. Alescha |

Liebe Elektrofachleute,
ich bin verzweifelt!! Mein schlüsselfertiges Haus in holzständerbauweise (mit 2 Stromkreisen) wird demnächst gestellt und jetzt sendet mir mein Generalunternehmer einen Nachtrag für den Einbau von Brandschutzschaltern in Höhe von 3.600,00 € - lässt es mir aber offen ob ich sie einbauen lasse oder nicht. Er beruft sich auf die VDE Richtlinien, die dies vorschreiben, aber auch auf den ZDB, der dies nicht als erforderlich betrachtet. Auf Rückfrage bei meiner (Wohngebäude-)Versicherung wurde mir mitgeteilt, dass sich der Generalunternehmer bzw. Elektrofachmann mit dem Verweis auf die VDE-Richtlinien für den Schadenfall exkulpiert und mir grobe Fahrlässigkeit wenn nicht sogar Vorsätzlichkeit vorgeworfen werden kann, sollte ich auf den Einbau der Brandschutzschalter verzichten. Wie sehen Sie das? Und ist eine Summe von 3.600,00 € für 2 Unterverteiler,
4-reihig bestückt mit bis zu 12 Brandschutzschaltern 16A, 3 Brandschutzschalter im Hauptzählerschrank realistisch?
Herzlichen Dank im Voraus!

Kommentar von J. Freihoff |

Und immer wieder der Brandschutzschalter…Eine gefühlte unendliche Diskussion.

Immer wieder wir das Argument der Sicherheit als Argument vorgebracht. Das ist ein „Totschlag-Argument“ gegen das sich kaum etwas hervorbringen lässt.

Ich würde mir allerdings eine genaue Analyse des Ist-Zustandes wünschen. 
Unzweifelhaft werden jedes Jahr viele Brände durch eine „fehlerhafte“ Elektroinstallation verursacht.
Hier sollte man allerdings doch genauer Analysieren, eine neue, moderne, nach aktuellen Normen erstellte Elektroinstallation mit anschließender Vorschriftsmäßiger Prüfung nach VDE dürfte wohl kaum eine Brandgefahr darstellen.

Die Frage muss also lauten wie viele dieser entstandenen Brände wären mit dem Brandschutzschalter zu verhindern gewesen!
Die Antwort lautet ganz einfach, nicht ein einziger! Ach nicht der hier angesprochene Brand der Amalien-Bibliothek. Es gibt keine Nachrüstpflicht!

Brände entstehen durch zu hohe Übergangswiderstände, durch lose Klemmstellen, durch Oxidation verschiedener Materialien (Alu&Kupfer) … und durch mangelhafte Wartung!

Alles das sollte in einer neu erstellten Anlage nicht zutreffen. Ob ein Brandschutzschalter eine fehlerhafte Installation sicher machen kann bezweifele ich stark. Ob eine mit heutigen Materialien erstellte Anlage in 10, 20 oder 30 Jahren in den Zustand kommt den wir heute bei Anlagen in diesem Alter vorfinden ist eher unwahrscheinlich. Genauso unwahrscheinlich ist das der heute eingebaute Brandschutzschalter in 30 Jahren noch ordnungsgemäß funktioniert, zumindest sprechen die Erfahrungen gegen einen zuverlässigen Betrieb über einen so langen Zeitraum.

Der immer wieder gelesene Verweis darauf das dieser Schalter schon längere Zeit in Nordamerika vorgeschrieben ist kann als Argument wohl so nicht gelten. Sonst müssten wir ja auch alle anderen Eigenarten der Nordamerikanischen Normung/Ausführung übernehmen. In letzter Konsequenz heißt das, Stillegen unseres (Erd-) Kabelnetzes und Aufstellen von Holzmasten.

Von verschieden Seiten wurde auch schon Verwunderung über die schnelle Verabschiedung dieser Norm geäußert. Interessant ist auch, das zum Zeitpunkt des Erscheinens es nur einen Hersteller gab der diesen Schalter angeboten hat.
Man wird den Eindruck nicht los das hier massive Lobbyarbeit geleistet wurde.
Ich will die Technik des Brandschutzschalters gar nicht „schlecht“ reden, aber es gab eigentlich keinen Grund in noch durch eine Norm zu adeln.

Die Umsetzung wird in vielen Fällen zu einer enormen Herausforderung werden und die Baukosten enorm in die Höhe treiben. Man stelle sich nur eine UV für xxx Steckdosenstromkreise vor die heute in einer schmalen Wandnische oder ähnlich montiert ist.

Wünschenswert für den Praktiker sind eigentlich klare, sich nicht wiedersprechende Regeln die logisch nachvollziehbar sind und sich auch Umsetzen lassen. 


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