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Unfallbeispiel: Eingeklemmtes Kabel kostet zwei Mitarbeitern das Leben

Schon ein kleiner Defekt am Kabel kann zu einem Unfall führen
Schon ein kleiner Defekt am Kabel kann zu einem Unfall führen (Bildquelle: Voyagerix/iStock/Thinkstock)

Wie schnell der elektrische Strom schon bei einem vermeintlich kleinen Mangel zur Lebensgefahr wird, zeigt ein tragischer Unfall, von dem die BG ETEM berichtet. Ein beschädigtes Kabel setzt eine Arbeitsbühne unter Strom und zwei Beschäftigte kommen ums Leben. Ob Produktion oder Handwerk, Baustelle oder Büro, jeder Betrieb muss das Bewusstsein für die unsichtbare Gefahr Elektrizität aufrecht erhalten.

Die Berufsgenossenschaft Energie Textil Elektro Medienerzeugnisse (BG ETEM) nennt es in der aktuellen Ausgabe ihres Mitgliedermagazins eine „Verkettung unglücklicher Umstände“. Was war passiert?

Zwei tödliche Stromunfälle an einer Arbeitsbühne

Es ist die Nachtschicht an einer Spritzgießmaschine. Ein Mitarbeiter ist damit beschäftigt, Formteile herzustellen. Beim Steuern der Maschine befindet sich der Mann auf einer höhenverstellbaren Arbeitsbühne, eine alltägliche Situation in vielen Betrieben. Die Spritzgießmaschine ist über eine Mehrfachsteckdose an das Stromnetz angeschlossen.

Das Kabel dieser Mehrfachsteckdose wird beim Absenken der Bühne eingeklemmt und ist beschädigt, dadurch gerät die Arbeitsbühne aus Aluminium unter Spannung. Als der Mitarbeiter die Bühne und die Maschine berührt, schließt sich der Stromkreis. Der Mann erleidet eine Körperdurchströmung und bricht zusammen.

Besonders tragisch ist, was sich anschließend ereignet. Kurz nach diesem ersten Unfall kommt der ältere Vorarbeiter vorbei und will im ersten Impuls dem verunfallten Kollegen helfen. Als er ihn berührt, kommt es ebenfalls zu einer Körperdurchströmung. Beide Beschäftigte können nur noch tot geborgen werden.

Fehlerstrom-Schutzschalter hätte Unfall verhindert

Seit 2007 muss jedem Steckdosenstromkreis ein Fehlerstrom-Schutzschalter (FI-Schalter) mit sensibler Auslöseschwelle vorgeschaltet sein. Offenbar war das bei dem Gebäude bzw. der Elektroinstallation hier nicht der Fall. Eine Pflicht zur Nachrüstung mit FI-Schaltern besteht nicht. Aber ein funktionierendes Fehlerstrom-Schutzsystem hätte diese beiden Todesfälle verhindert.

Schnelle Schuldzuweisungen aus der Ferne sind in einem solchen Fall nicht angebracht. „Die Unfalluntersuchung zeigte eine Verkettung unglücklicher Umstände", wird der Leiter des Fachgebiets Elektrotechnik bei der BG ETEM zitiert und bleibt damit in der Aussage verständlicherweise vage. Denn diese Formulierung wird gern als Floskel verwendet, ob zu Tschernobyl, Fukushima oder einem Flugzeugabsturz.

Unfallanalyse: Gefährdungsbeurteilung und Unterweisung?

Die Untersuchung eines solchen Unfallhergangs wie oben geschildert, darf sich jedoch nicht mit „Umständen“ und „Verkettungen“ zufrieden geben. Hier müssen sämtliche Aspekte sorgsam analysiert werden. Dazu gehört das Prüfen auf technische und organisatorische Mängel genauso wie das Klären von Fehlverhalten und Verantwortlichkeiten. Hier stellen sich z.B. die folgenden Fragen:

  • Liegt die verpflichtend vorgeschriebene Gefährdungsbeurteilung für die Maschine bzw. den Arbeitsplatz und die Tätigkeit vor?
  • Wurde in der Gefährdungsbeurteilung berücksichtigt, dass die Stromversorgung der Spritzgießmaschine über eine frei über den Boden verlegte Zuleitung einer Steckdosenleiste erfolgte?
  • Wem war die Gefahrensituation des auf dem Boden lose liegenden Elektrokabels einer Steckdosenleiste in unmittelbarer Nähe einer massiven Quetschgefahr bekannt?
  • Waren die Beschäftigten unterwiesen, sämtliche Beschädigungen an Kabeln sofort dem Vorgesetzten zu melden und das Kabel auszusortieren und nicht weiter zu benutzen?
  • Waren den Beschäftigen die Grundregeln zur Ersten Hilfe nach Elektrounfällen bekannt? Waren sie zur Notwendigkeit des Eigenschutzes unterwiesen?

Autor: Dr. Friedhelm Kring

Kommentare

Kommentar von J. Baehr |

Normalerweise sollte die Arbeitsbühne geerdet und damit ein Unter-Spannung-Stehen unmöglich sein.

Kommentar von Jo Walther |

War durch die Quetschung evtl.der Schutzleiter unterbrochen?Ich finde die Spannungsversorgung der Maschine ungewöhnlich.Die verantwortliche EFK sollte diese sehr kritisch hinterfragen.

Kommentar von W. Zölch (IB Zölch) |

Klassisch nach dem Schweizer Käse- Modell - die Lücken der einzelnen Sicherheitsbarrieren haben sich überlagert:
Das heißt, sowohl technisch als auch organisatorisch sind Defizite entstanden, die nicht erkannt wurden.
Umso wichtiger finde ich es daher, Gefährdungsbeurteilungen (GBU) interdisziplinär durchzuführen sowie eine spezielle GBU für die elektrische Anlage (ortsfest) zu erstellen.

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