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Vom Schalten zur Schaltbefähigung

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Erteilung einer Schaltberechtigung nach VDE 0105-100

Der geschichtlich-zeitliche Entwicklungsverlauf und die Notwendigkeit einer „Schaltberechtigung“, um Spannungen und Ströme unter kontrollierten Bedingungen sicher ein- und auszuschalten, ist genauso lang, wie es die Elektrotechnik/Elektronik gibt.

Kaum jemand macht sich heutzutage Gedanken und hinterfragt tiefgehend das morgendliche Einschalten des Badlichts nach dem Aufstehen, das Einschalten des Wasserkochers bzw. der Kaffeemaschine. Anschließend geht es im Heimbüro oder auf Arbeit mit dem Lichteinschalten und dem Hochfahren des Rechners weiter.
Wo man nach dem Abrufen und gegebenenfalls Ausdrucken der aktuellen E-Mails – ach ja, Drucker vorher natürlich auch einschalten – auf einmal als Beschäftigter den Arbeitsauftrag in den Händen hält, eine Mittelspannungs-Schalthandlung durchzuführen. Wobei die letzte derartige Tätigkeit unter Umständen schon jahrelang zurückliegt. Ganz zu schweigen von einem Seminar in dieser Richtung, welches das Schaltberechtigungsthema mal zum Inhalt hatte.

Schnittstelle (ortsveränderliche) Betriebsmittel und Anlagen

Nach der Richtlinie 2006/95/EG, landläufig auch als „Niederspannungsrichtlinie“ bekannt, müssen „Betriebsmittel“ (zu denen auch Anlagen zählen können) im Niederspannungsbereich – unter Beachtung des Stands der Sicherheitstechnik – so hergestellt sein, dass sie bei bestimmungsgemäßer Verwendung, Wartung und ordnungsgemäßer Installation die Sicherheit von Menschen und Nutztieren sowie die Erhaltung von Sachwerten nicht gefährden. Wie gesagt: im Niederspannungsbereich!
Aber was ist, wenn die Spannungshöhe größer als die in der 2006/95/EG genannten 1.000 V AC bzw. 1.500 V DC ist?

Abb. 1: Niederspannungs-Schalthandlungen

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Unterteilung der Schalthandlungen für verschiedene Spannungsebenen in elektrische Anlagen

Nach VDE 0105-100 „Betrieb von elektrischen Anlagen“ gibt es im Abschnitt 5.2 „Schalthandlungen“ zwei Arten der Schalthandlung.
Die eine Art ist die „Schalthandlung zum Ändern des elektrischen Zustandes einer Anlage, deren bestimmungsgemäßer Gebrauch gefahrlos ist.“ – Wie beispielsweise das Einschalten des Badlichts oder die Benutzung der Kaffeemaschine.
Die andere Art ist das „Ausschalten und Wiedereinschalten von Anlagen im Zusammenhang mit der Durchführung von Arbeiten.“
Von einem bestimmungsgemäß gefahrlosen Gebrauch ist hier, nach VDE, nicht mehr die Rede. Dieses könnte in dem Zusammenhang z.B. das Schalten einer luftisolierten Mittelspannungs-Schaltanlage sein. Da die VDE 0105-100 „Betrieb von elektrischen Anlagen“ laut Anwendungsbereich eine spannungsbereichsübergreifende Norm ist und sie für alle Spannungsebenen gilt, kann man nach dieser Norm nicht strikt in Nieder-, Mittel- und Hochspannungsanlage unterscheiden.
Vielmehr sollte der Unternehmer (die verantwortliche Elektrofachkraft) beim Umsetzen der Anforderungen nach VDE 0105-100 sich Gedanken machen, nicht allein nur für den Mittel- und Hochspannungsbereich Schaltberechtigungen zu vergeben. Dieses sollte im Niederspannungsbereich genauso erfolgen.

Schaltberechtigung im Niederspannungsbereich

Ob es notwendig ist, hier auch für jeden Niederspannungs-Anlagentyp eine explizite Schaltberechtigung zu vergeben, wäre wahrscheinlich zu weit über das Ziel hinausgeschossen. Eine im Unternehmen sozusagen „allgemeingültige Berechtigung zum Schalten von Niederspannungsanlagen“ könnte man für die Elektrofachkräfte in der jeweiligen Tätigkeitsbeschreibung hinterlegen, da das „Schalten von Anlagen und Anlagenteilen“ eine Grundtätigkeit ist, die einer Elektrofachkraft schon innerhalb der Lehre und Ausbildung beigebracht wird bzw. sich im Berufsleben mit steigendem Erfahrungserwerb weiter aufbaut und festigt.

Unterweisung ist erforderlich?

Gleichwohl muss der betreffende Beschäftigte gemäß § 9 und § 12 des Arbeitsschutzgesetzes (ArbSchG) auf Besonderheiten und besondere Gefahren an den im Unternehmen vorhandenen Schaltanlagen und Schaltanlagentypen, die sich in seinem Arbeits-/Zuständigkeitsbereich befinden, hingewiesen werden. Dieses gilt insbesondere für elektrotechnisch unterwiesene Personen, die unter „Leitung und Aufsicht“ von Elektrofachkräften Schalthandlungen ausführen. Wenn das Schalten von Anlagen und Anlagenteilen mit einem besonderen und zwingend einzuhaltenden Arbeitsablauf verbunden ist, ist ein einfaches „Hinweisen“ und „Einweisen“ durch den Arbeitgeber (die verantwortliche Elektrofachkraft) allein meist nicht ausreichend.

Anlernen

Hier muss der Beschäftigte unter Umständen extra angelernt werden, damit er die in diesem Zusammenhang auszuführenden Schalthandlungen auch sicher beherrscht.

Schulung zum Erwerb oder Auffrischung der Schaltbefähigung

Im Mittel- und Hochspannungsbereich hat sich etabliert, die Schulung/Befähigung zum Schalten von Mittel- und Hochspannungsanlagen nicht nur durch eigene entsprechend qualifizierte Personen durchführen zu lassen. Vielmehr wird häufig auf externe Dienstleister zurückgegriffen, die aufgrund ihres umfangreichen Erfahrungsschatzes und entsprechender Kenntnis der Normen in der Lage sind, vor, während und im Nachgang zu einem Schaltbefähigungsseminar Fachfragen und organisationstechnische Fragestellungen zu klären.

Auf diese Weise bekommen Schaltbefähigte neben den für ihren Aufgabenbereich zu beachtenden Bestimmungen und Anweisungen im Umgang mit den betriebseigenen Schaltanlagen auch wertvolle Informationen, wie es beispielsweise anderenorts mit dem „Schalten an elektrischen Anlagen“ aussieht. Oder welche technischen Neuerungen sich in der Welt des Schaltens ergeben haben oder eingeführt wurden.

Zeitlich gesehen, sollte eine entsprechende Qualifizierungsmaßnahme der schaltbefähigten Beschäftigten im Zeitfenster von ca. zwei bis vier Jahren wiederholt werden, da aufgrund des schnellen technischen Wandels – auch im Bereich der Schaltanlagen – ein entsprechend schnelles Anpassen des Wissensstands notwendig ist.

Eine genaue zeitliche Festlegung, wann eine Wiederholungsschulung zum Erhalt/Erwerb der Schaltbefähigung erforderlich ist, liegt in der Verantwortung des Arbeitgebers (der verantwortlichen Elektrofachkraft).

Von der Schaltbefähigung zur Schaltberechtigung

Vorgabe durch ArbSchG

Vor der Vergabe von Schaltberechtigungen durch den Unternehmer (die verantwortliche Elektrofachkraft) hat der Arbeitgeber gemäß § 7 des Arbeitsschutzgesetzes (ArbSchG) dafür zu sorgen, dass Beschäftigte auch in der Lage sind, die für die Sicherheit und den Gesundheitsschutz bei der Aufgabenerfüllung zu beachtenden Bestimmungen und Maßnahmen einzuhalten. Dieses setzt nach einer entsprechenden Qualifizierungsmaßnahme voraus, dass der Unternehmer (die verantwortliche Elektrofachkraft) nachweisen kann, welcher der unterstellten Mitarbeiter zum „Schaltberechtigten“ ernannt ist.

Schaltberechtigung hat in Schriftform zu erfolgen

Im eigenen Interesse des Unternehmers bzw. der verantwortlichen Elektrofachkraft sollte diese Bestellung vom „Schaltbefähigten zum Schaltberechtigten“ in Schriftform erfolgen. Somit kann der Unternehmer (die verantwortliche Elektrofachkraft) nachweisen, dass er zum einen die ihm vom Gesetzgeber auferlegte Fürsorgepflicht der unterstellten Mitarbeiter beachtet hat. Und zum anderen ergibt sich ein Überblick, welcher Schaltberechtigte zum Schalten von welchen Anlagen und Anlagenteilen fachlich qualifiziert ist.

Gefährdungsbeurteilung und Arbeitsanweisungen im Vorwege zu Schalthandlungen

Wie anspruchsvoll Schalthandlungen für Beschäftigte sind, kann der Unternehmer (die verantwortliche Elektrofachkraft) am einfachsten ermitteln, indem er eine entsprechende Gefährdungsbeurteilung erstellt, aus deren Ergebnis Arbeitsanweisungen erwachsen, die das richtige Verhalten und den richtigen Umgang mit den im Unternehmen vorhandenen Schaltanlagen widerspiegeln.

Unterschiedliche Informationen beachten

Hierbei sind die Unterlagen des Schaltanlagenherstellers, eigene Erfahrungen und Feststellungen sowie sonstige Informationen eine nicht zu unterschätzende Erkenntnisquelle, die zum Gelingen einer umfänglichen Gefährdungsbeurteilung für die Arbeit/Tätigkeit des Schaltens angewendet werden können.

Arbeitsanweisungen werden benötigt

Im Nachgang zur Ermittlung der mit dem Schalten bzw. der Schalthandlung verbundenen Gefahren und Gefährdungen muss der Unternehmer (die verantwortliche Elektrofachkraft) die benötigten Arbeitsanweisungen anfertigen, aus denen hervorgeht, mit welchen möglichen Gefahren beim Schalten zu rechnen ist und wie diesen Gefahren entsprechend sicherheitsgerichtet begegnet werden kann. Dies geschieht unter anderem auch, um den Anforderungen der §§ 3, 5, 6 und 9 des Arbeitsschutzgesetzes gerecht zu werden.

Der schaltberechtigte Beschäftigte

Neben den notwendigen technischen und organisatorischen Voraussetzungen, für dessen Erfüllung zumeist der Unternehmer (die verantwortliche Elektrofachkraft) einzustehen hat, sollte auch der Schaltberechtigte über einige wichtige Persönlichkeitsmerkmale verfügen, um gestellte Schaltaufträge sicher durchführen zu können.
Diese oben genannten „Persönlichkeitsmerkmale“ können beispielhaft folgende sein:

  • gute und umfangreiche Anlagen- und Ortskenntnisse
  • Kenntnisse des Anlagenverhaltens bei Lastflussänderungen
  • geistige und körperliche Eignung sowie Durchsetzungsvermögen
  • gültige Erste-Hilfe-Ausbildung
  • gültige G-25-Untersuchung („Fahr-, Steuer- und Überwachungstätigkeiten“)
  • sicherer Umgang bzw. sichere Benutzung der zur Verfügung gestellten persönlichen Schutzausrüstung

Neben den beispielhaft aufgezählten Persönlichkeitsmerkmalen darf, soll und muss der „gesunde Menschenverstand“ des Einzelnen bei jedem Arbeitsschritt und jeder Schalttätigkeit einfließen.

Abb. 2: Mittelspannungs-Schalthandlung

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Damit das gesteckte Ziel „Keine Fehlschaltung(en)“ erreicht wird und man nach erfolgreich durchgeführter Mittelspannungs-Schalthandlung als Schaltberechtigter am Nachmittag den Drucker, den Rechner und das Bürolicht sicher ausschalten kann.

Autor: Jens Weber

Diesen Fachartikel sowie weitere zum Thema finden Sie in dem Produkt Die Elektrofachkraft in der betrieblichen Praxis.

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Kommentare

Kommentar von Alojz Lazar |

Gut und wichtig !!

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