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Unfallbeispiel: Tödlicher Elektrounfall trotz Berufserfahrung

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Elektrounfälle passieren auch berufserfahrenen Elektrofachkräften
Elektrounfälle passieren auch berufserfahrenen Elektrofachkräften (Bildquelle: Reggie Lavoie/iStock/Thinkstock)

Auch Berufserfahrung und Weiterbildung schützen eine bis dato vorbildliche Elektrofachkraft nicht vor den Gefahren des elektrischen Stroms. Eine einzige Unachtsamkeit bei der Befolgung der fünf Sicherheitsregeln genügt, um einen Elektrounfall zu verursachen. Dies ist das Fazit eines Unfallreports der BG RCI (Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie).

Der folgende tragische Fall macht deutlich, wie schnell auch für erfahrene Elektrofachkräfte bei Elektroarbeiten der Tod lauert, wenn Regeln nicht strikt befolgt werden.

Der Unfallhergang: Keine Spannungsfreiheit bei Wartung an einer Spritzgießmaschine

Der Unfall geschah bei Wartungsarbeiten von Spritzgießmaschinen in einem Betrieb der Kunststoffverarbeitung. Die Produktion war seit einigen Tagen eingestellt, weil an den Maschinen u.a die Kontakte der Spannungsversorgung gewartet werden mussten. Die zuständige Elektrofachkraft wollte die Muttern zur Befestigung der Kabel der Starkstromversorgung nachziehen.

Der Mitarbeiter hatte seine Frühstückspause verkürzt, um am Nachmittag früher gehen zu können. Etwa zwanzig Minuten nach Ende der Pause wurde der Mann leblos neben der Spritzgießmaschine aufgefunden. Der Steckschlüssel lag auf dem Boden. Der Hauptschalter der Maschine war eingeschaltet.

Das Unfallopfer: eine berufserfahrene Elektrofachkraft

Der tödlich verunfallte Mitarbeiter wird wie folgt beschrieben:

  • eine vorbildliche Elektrofachkraft
  • arbeitete überaus sorgfältig
  • seine Prüfunterlagen waren exzellent geführt
  • sein Arbeitsplatz war ordentlich
  • seine letzte Fortbildung lag noch nicht lange zurück

Außerdem besaß die Elektrofachkraft ein eigenes Schloss für das Abschließen der Hauptschalter zur Sicherung gegen Wiedereinschalten, welches persönlich beschriftet war.

Vor diesem Hintergrund war es dem zuständigen Mitarbeiter der Berufsgenossenschaft, die den Unfallhergang untersuchte, zunächst ein Rätsel, wie es zu diesem tödlichen Unfall kommen konnte.

Die Unfallursache: Versäumte Prüfung auf Spannungsfreiheit?

Der Unfall geschah einen Tag vor Weihnachten und wurde wie folgt rekonstruiert. Offenbar war die Elektrofachkraft in Eile, weil noch Geschenkekauf und andere Festtagsvorbereitungen anstanden. Daher auch sein Verkürzen der Frühstückspause.

Offenbar hat die Elektrofachkraft – so vermuten die Kollegen im Nachhinein – sich das konsequente Abarbeiten der fünf Sicherheitsregeln erspart bzw. abkürzen wollen. Er war gedanklich möglicherweise bereits bei den Feiertagen und in Eile. Offensichtlich war er von der Spannungsfreiheit ausgegangen und hatte versäumt, vor einem Zugriff auf die ansonsten spannungsführenden Teile die Spannungsfreiheit tatsächlich zu überprüfen.

Die zuständige Aufsichtsperson der BG RCI spricht davon, dass ein „eingeübtes und emotional verankertes sicherheitsgerechtes Verhalten“ gerade bei Routinearbeiten überlebensnotwendig ist. Man muss die fünf Sicherheitsregeln nicht nur kennen, sie müssen in Fleisch und Blut übergegangen sein. Nur dann kann man auch in Hektik und bei mangelnder Aufmerksamkeit überleben.

Fazit: Die fünf Sicherheitsregeln bleiben essenziell und unverzichtbar

Wer über viele Jahre hinweg beim Prüfen der Spannungsfreiheit stets die Rückmeldung erhält, dass keine Spannung vorhanden ist, läuft Gefahr nachlässig zu werden. Diese Routinefalle schafft ein trügerisches Sicherheitsgefühl. Dazu kommt, dass niemand davor gefeit ist, trotz allen Bemühens um konzentriertes Arbeiten, in Eile oder Hektik Fehler zu machen.

Die fünf Sicherheitsregeln für das Arbeiten in und an elektrischen Anlagen müssen daher alternativlos und konsequent angewendet werden. Denn sie wurden nicht entwickelt, um einen überzogenen Kontrollwahn zu erzeugen. Sie sind auch keineswegs übertrieben im Sinne von unnötiger Doppelregelungen, wenn etwa trotz Freischalten die Spannungsfreiheit explizit geprüft werden muss. Die fünf Sicherheitsregeln bauen aufeinander auf und ergänzen sich, so dass möglichst jede vorstellbare betriebliche Situation und Konstellation von Arbeitsbedingungen und persönlichen Befindlichkeiten aufgefangen wird.

Es ist verständlich und nachvollziehbar, dass das strikte Einhalten von Vorschriften und Regeln manchmal als übertrieben oder überflüssig oder sogar sinnlos empfunden wird. Doch wenn es um Gefahren für Leib und Leben geht, gibt es zur konsequenten Einhaltung von Sicherheitsbestimmungen keine Alternative. Dieser Punkt kann in Sicherheitsunterweisungen gar nicht oft genug betont werden. Jeder Sicherheitsverantwortliche sollte scharf eingreifen und deutliche Worte finden, wenn Mitarbeiter oder gar Ausbilder die Meinung vertreten, man müsse es „nicht immer so genau“ nehmen. Denn auch wenn Nachlässigkeiten jahrelang ohne Konsequenzen bleiben, kann ein einziger Fehler genügen, um schwerste Unfälle herbeizuführen.

Autor: Dr. Friedhelm Kring

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