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Prüfumfang und -tätigkeiten bei baurechtlichen Prüfungen

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Baurechtliche Prüfungen in technischen Anlagen
Baurechtliche Prüfungen in technischen Anlagen (Bildquelle: kadmy/iStock/Thinkstock)

Immer wieder äußern Elektrofachkräfte gegenüber Prüfsachverständigen, dass Ihnen unklar ist, welche Unterlagen bei einer baurechtlichen Prüfung zur Verfügung gestellt werden müssen. Ebenso ist vielen Elektrofachkräften der Umfang einer Sachverständigenprüfung unverständlich. Nicht zuletzt um Missverständnissen vorzubeugen bzw. einen Einblick in den Prüfumfang und -ablauf zu ermöglichen, haben viele Bundesländer Prüfgrundsätze als Anhänge zu ihren Prüfverordnungen veröffentlicht.

Im Beitrag „Prüfgrundlagen für baurechtliche Prüfungen“ wurden bereits die allgemeinen Anforderungen für baurechtliche Prüfungen am Beispiel der Prüfgrundsätze NRW skizziert. Dieser Artikel baut darauf auf und stellt nun die Prüftätigkeiten bzw. den Prüfumfang für elektrotechnische Prüfungen, die unter das Baurecht fallen, vor. In den meisten anderen Bundesländern gibt es ähnliche Veröffentlichungen seitens des Gesetzgebers. Für den Fall, dass diese nicht vorliegen, können zur Erschließung des Themas aber auch die Muster-Prüfgrundsätze der ARGEBAU herangezogen werden (vgl. ARGEBAU 2014).

Teil I “Elektrische Anlagen” der Grundsätze für die Prüfung technischer Anlagen entsprechend der Prüfverordnung durch Prüfsachverständige (Prüfgrundsätze NRW)

Der Teil I der Prüfgrundsätze ist in die vier Rubriken Prüfgrundlagen, bereitzustellende Unterlagen, Prüfungen und Prüfbericht unterteilt.

Rubrik Prüfgrundlagen

Prüfgrundlagen für den Sachverständigen

Der Abschnitt “Prüfgrundlagen” listet die bei der Prüfung in NRW durch den Sachverständigen zu berücksichtigende Verordnungen, Richtlinien und allgemein anerkannten Regeln der Technik auf. Dazu zählen z.B. die Landesbauordnung (BauO NRW), die eventuell für das Gebäude geltenden Sonderbauverordnungen (wie z.B. Teil 1 der SBauVO NRW bei Versammlungsstätten) sowie eingeführte Technische Baubestimmungen, wie z.B. die Leitungsanlagenrichtlinie NRW (LAR NRW) mit ihren Ausführungen zum Verlegen von Leitungen in notwendigen Fluren und Treppenräumen.

Rubrik bereitzustellende Unterlagen

Durch Errichter oder Bauhherrn bereitzustellende Unterlagen

Um ein Gebäude baurechtlich fachgerecht beurteilen und prüfen zu können, sind dessen Genehmigungsunterlagen erforderlich. Zu den wichtigsten Genehmigungsunterlagen zählen die Baugenehmigung sowie ein eventuell vorhandenes Brandschutzkonzept. Aus beiden zuvor genannten Unterlagen ist die baurechtliche Einstufung des Gebäudes (z.B. als Hochhaus oder als Versammlungsstätte) ersichtlich. Ebenso können zusätzliche Auflagen oder Erleichterungen (Befreiungen) aus den Genehmigungsunterlagen entnommen werden. Weiterhin fallen u.a. Grundrisspläne, aus denen z.B. die Brandabschnitte oder die Rettungswege ersichtlich sind, unter die laut Prüfgrundsätzen bereitzustellenden Unterlagen.

Neben den weiterhin in den Prüfgrundsätzen aufgeführten Unterlagen, wie z.B. Schalt- und Installationspläne der elektrischen Anlagen oder Kurzschlussstromberechnungen, soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, dass bei einer Wiederholungsprüfung auch der letzte Prüfbericht für den Sachverständigen von Interesse sein kann.

Rubrik Prüfungen

Durch den Sachverständigen durchzuführende Prüfungen

Zunächst einmal lässt sich festhalten, dass der Prüfsachverständige für die gesamte elektrische Anlage die Übereinstimmung mit den Anforderungen des Brandschutzkonzepts feststellen muss. D.h. nichts anderes als, dass im Allgemeinen die gesamte elektrische Anlage einer Prüfung zu unterziehen ist. Im Rahmen einer Dokumentationsprüfung ist weiterhin die technische Dokumentation der elektrischen Anlage zu sichten.

Die Prüfung ist in eine Sicht- und eine Funktionsprüfung unterteilt.

Abb. 1: Korrodierte Klemmverbindung

Korrodierte Klemmverbindung

Sichtprüfung der Gesamtanlage

Im Rahmen der Sichtprüfung soll der Sachverständige feststellen, wie der Zustand der Verteiler- und Verbraucheranlagen der elektrischen Anlagen ist. So zählen z.B. äußerlich erkennbare Beschädigungen und Mängel an elektrischen Betriebsmitteln, fehlende Abdeckungen und Abschottungen von Kabelkanälen oder aber die Einhaltung der Anforderungen für elektrische Betriebsräume (z.B. Feuerwiderstandsdauer, Zubehör und Beschilderung) zu Punkten, die bei der Sichtprüfung begutachtet werden. Desgleichen bezieht die Sichtprüfung die Kontrolle von Nach- oder Neuinstallationen und Veränderungen der Raumnutzungen ebenso mit ein, wie die Lagerung von brennbaren Stoffen und deren Abstände zur elektrischen Anlage. Ferner ist bei der Sichtprüfung auch auf den Schutz gegen direktes Berühren, wie z.B. auf vorhandene Berührungsschutzabdeckungen, zu achten.

Umfang der Sichtprüfung

Die Sichtprüfung kann im Allgemeinen nicht ohne ein Öffnen von Verteiler- und Verbraucheranlagen erfolgen. Zu diesen Verteiler- und Verbraucheranlagen zählen u.a. die Haupt- und Unterverteilungen der allgemeinen Stromversorgung, aber auch die der Sicherheitseinrichtungen (z.B. Steuerschränke von Sprinkleranlagen) sowie die Zentralen- oder Steuerschränke der bauordnungsrechtlich geforderten Lüftungs- und RWA-Anlagen.

Zusätzliche Sichtprüfung von Schaltanlagen und Transformatoren über 1.000 V

Schaltanlagen und Transformatoren über 1.000 V sind ebenfalls in die Sichtprüfung einzubeziehen. Bei diesen Anlagen soll insbesondere die Einhaltung der Vorschriften für Betriebsräume von elektrischen Anlagen (siehe hierzu z.B. Teil 6 der SBauVO NRW) geprüft werden. Zu diesen Forderungen zählen neben den baulichen Brandanforderungen auch deren Beschilderungen, Kennzeichnungen und erfolgte Wartungsmaßnahmen.

Zustandsprüfung von Haupt- und Unterverteilungen sowie Steuerschränken

Neben den bereits erläuterten Sichtprüfungen sind bei der Zustandsprüfung besonders die Prüfung des Überlast- und Kurzschlussschutz (z.B. die Zuordnung sowie Einstellwerte von Sicherungen, Leistungsschaltern oder Motorschutzschaltern) hervorzuheben. Genauso sind der Verschmutzungsgrad, Korrosion, Beschriftung, Verdrahtungsausführung, Leitungsquerschnitte und die Anschlussräume inkl. deren Zugentlastungen in die Sichtprüfung von Haupt- und Unterverteilungen sowie Steuerschränken mit einzubeziehen.

Zustandsprüfung von Kabel- und Leitungsanlagen

Bei Kabel- und Leitungsanlagen sind im Rahmen der Zustandsprüfung außerdem die Häufungen, Verlege- und Schutzarten, Eignung für die Anwendungsfälle (flexible/starre Leitungen), Befestigungen, Biegeradien, mechanischer Schutz und elektromagnetische Verträglichkeit zu prüfen. An dieser Stelle sei insbesondere auf die häufig vorkommende gemeinsame Verlegung von Leitungsadern der Spannungsbänder I (< 50 V) und der Spannungsbänder II (> 50 V) im Bereich von Verteilungen und Steuerkästen verwiesen. Die verwendeten Leitungsadern des Spannungsbands I müssen bei gemeinsamer Verlegung ohne eine räumliche Trennung für die größte vorkommende Spannung des Spannungsbands II ausreichend isolationsfest sein. Bei Zweifeln sollte alternativ eine getrennte Verlegung (z.B. in verschiedenen Kabelkanälen) erfolgen.

Funktionsprüfung (Messungen) in der Gesamtanlage

Bei der Funktionsprüfung sollen u.a. die Durchgängigkeit der Schutzleiter von Steckdosen und fest angeschlossenen Verbrauchern als Schutz gegen indirektes Berühren gemessen werden. An den Haupt- und Unterverteilungen sowie Steuerschränken bis 1.000 V sollen durch den Prüfsachverständigen darüber hinaus die Nachweise der Isolationsfestigkeit (z.B. mittels Isolationsmessungen) und der Abschaltbedingungen (z.B. durch Schleifenimpedanzmessungen) sowie der ausreichenden Wärmeabfuhr (z.B. durch Temperaturmessungen im Betrieb) erbracht werden. Kommen Fehlerstromschutzeinrichtungen (RCDs) oder Isolationsüberwachungseinrichtungen in der elektrischen Anlage zur Anwendung, so sind diese ebenfalls messtechnisch in die Funktionsprüfung einzubeziehen.

Kabel- und Leitungsschotte in Wänden und Decken mit Feuerwiderstandsdauer

Als besonderer Prüfpunkt sei an dieser Stelle die Prüfung von Schottungen in Wänden und Decken, an die eine Feuerwiderstandsdauer gestellt ist, hervorgehoben. Für Kabel- und Leitungsschotte sind grundsätzlich Dokumentationen zur Einsicht bereit zu halten. Insbesondere die sog. Verwendbarkeitsnachweise (z.B. allgemeine bauaufsichtliche Zulassungen) und Montageanweisungen seien hier genannt. Aus ihnen können der Errichter sowie Prüfer entnehmen, wie das Schott erstellt werden muss und welche Feuerwiderstandsdauer es bei fachgerechter Installation aufweist. Der Errichter hat laut den Prüfgrundsätzen für jedes erstellte Schott eine Errichterbescheinigung auszustellen und zusätzlich jedes Schott zu kennzeichnen. Aus der Kennzeichnung muss mindestens der Name des Errichters, das Errichtungsjahr, die Feuerwiderstandsdauer, das Bauprodukt und dessen Zulassungnummer ersichtlich sein.

Rubrik Prüfbericht

Prüfbericht gemäß Prüfgrundsätze

Die letzte Rubrik “Prüfbericht” beschreibt detailliert den Inhalt und Aufbau des durch den Sachverständigen zu erstellenden Prüfberichts. Neben allgemeinen Punkten wie Anlagenstandort, Betreiber/Bauherr, Prüfdatum und Name/Anschrift des Sachverständigen sind auch eine Kurzbeschreibung der geprüften Anlage, die Beurteilungsmaßstäbe (Richtlinien, Baugenehmigung u.ä.), die Art der Prüfung (“vor Inbetriebnahme”, “nach wesentlicher Änderung”, “wiederkehrend” oder “Nachprüfung”) sowie die Messergebnisse und Messgeräte im Bericht zu vermerken.

Darüber hinaus muss der Bericht zum einen Beschreibungen und Bewertungen der vorgefundenen Mängelpunkte enthalten. Zum anderen müssen das Prüfergebnis sowie dessen Bewertung inkl. einer Fristangabe zur Beseitigung der Beanstandungen genannt werden.

Insbesondere die Feststellung des Prüfers ob der Weiterbetrieb der elektrischen Anlage zulässig ist (gegebenenfalls nur unter Maßgaben/Auflagen) bzw. nicht zulässig ist, sind Feststellungen, die der Sachverständige im Prüfbericht aufführen muss.

In der Praxis haben sich die drei Einstufungen: “ohne Mängel”, “Mängel und Beanstandungen” (Mängelpunkt sind vorhanden und müssen innerhalb einer gesetzten Frist beseitigt werden) sowie “wesentliche Mängel” (die Mängelpunkte sind so gravierend, dass diese unverzüglich beseitigt werden müssen und zusätzlich eine Nachprüfung erforderlich ist) eingebürgert.

Abb. 2: Es ist immer ein Bericht zur Dokumentation der Prüfung zu erstellen. (Bildquelle: Fuse/Thinkstock)

Prüfbericht erstellen

Ausblick

Dieser Fachbeitrag skizzierte den Prüfumfang sowie die -tätigkeiten von Prüfsachverständigen die bauordnungsrechtlich geforderten Prüfungen an elektrischen Anlagen durchführen. In einem weiteren Beitrag soll auf die verschiedenen Sonderbauten gemäß § 54 der Bauordnung eingegangen werden. Dadurch erhält die Elektrofachkraft Einblicke, die es ihr ermöglichen, ein Gebäude als Sonderbau einzustufen und die notwendigen Prüfungen von technischen Anlagen zu veranlassen.

Quellenangaben:

BRD (2014b): Bezirkregierung Düsseldorf - Grundsätze für die Prüfung technischer Anlagen entsprechend der Prüfverordnung durch Prüfsachverständige - Prüfgrundsätze NRW - (Anhang zur PrüfVO NRW),
Stand: 24.11.2009, URL www.brd.nrw.de/planen_bauen/pdf/Pruefgrundsaetze.pdf, (02.10.2014).

ARGEBAU 2014): Konferenz der für Städtebau, Bau- und Wohnungswesen zuständigen Minister und Senatoren der Länder (Bauministerkonferenz), Grundsätze für die Prüfung technischer Anlagen entsprechend der Muster-Prüfverordnung durch bauaufsichtlich anerkannte Prüfsachverständige (Muster-Prüfgrundsätze), Stand 26.11.2010, URL www.is-argebau.de (02.10.2014).

Autor: Dipl.-Ing. (FH) Christoph Schneppe, B.A.

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Kommentare

Kommentar von Christoph Schneppe |

Hallo Herr Rieger,
ja Sie haben natürlich recht.
Hier fehlt das Wort "nicht".
Es muss heißen:
"Die Sichtprüfung kann im Allgemeinen nicht ohne
ein Öffnen von Verteiler- und Verbraucheranlagen erfolgen."
Ich werde mich sofort um die Korrektur des Textes bemühen.
Vielen Dank für Ihrem Kommentar.
Grüße aus Duisburg

Kommentar von Stephan Rieger |

Hier ist hoffentlich nur ein Schreibefehler im Absatz 'Umfang der Sichtprüfung' :
'Die Sichtprüfung kann im Allgemeinen ohne ein Öffnen von Verteiler- und Verbraucheranlagen erfolgen.'
Wie soll das bitteschön erfolgreich gehen? Röntgenbrillen sind mir zumindest nicht bekannt.
Also Klartext: ein Schalt- oder Verteiler-Schrank kann m.E. o h n e Öffnen sowohl der Schranktüren als auch der dahinter befindlichen Iso-Abdeckungen nicht geprüft werden!
Grüße aus Willich

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