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Die Elektrosicherheit in der Gefährdungsbeurteilung

(Kommentare: 1)

Die Elektrofachkraft erstellt die Gefährdungsbeurteilung für elektrische Arbeitsmittel
Für den Ablauf einer Gefährdungsbeurteilung gibt es wenig konkrete Vorgaben. (Bildquelle: AndreyPopov/iStock/Thinkstock)

Nach einem Arbeitsunfall werden Ermittler und Behörden u.a. die Frage nach der Gefährdungsbeurteilung stellen. Diese gesetzliche Pflicht richtet sich zunächst an den Arbeitgeber und dieser wird sie oftmals an die klassischen Arbeitsschutz-Akteure wie Fachkraft für Arbeitssicherheit und Betriebsarzt delegieren oder externe Dienstleister beauftragen. Bei allen speziellen Fragen zum Einschätzen der Gefahren und Risiken an elektrischen Anlagen und zu den geeigneten Schutzmaßnahmen ist die Elektrofachkraft der kompetente Ansprechpartner.

Vor 20 Jahren trat das Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG) in Kraft. Seitdem ist das Durchführen von Gefährdungsbeurteilungen gesetzliche Pflicht (§ 5 ArbSchG). Dies bestätigend findet sich die Forderung auch im berufsgenossenschaftlichen Regelwerk sowie in vielen wichtigen Verordnungen, u.a. in der Betriebssicherheitsverordnung, Arbeitsstättenverordnung, Gefahrstoffverordnung und Bildschirmarbeitsverordnung. Doch auch zwei Jahrzehnte nach Einführung der Pflicht haben viele Betriebe dies noch nicht oder nur unzureichend umgesetzt.

Die Rolle der Elektrofachkraft bei der Gefährdungsbeurteilung

Für den Ablauf einer Gefährdungsbeurteilung gibt es wenig konkrete Vorgaben. Ob ein Team aus internen Fach- und Führungskräften dies übernimmt oder eine externe sicherheitstechnische Betreuung, entscheidet jeder Betriebsleiter selbst. Die folgenden Grundsätze müssen jedoch erfüllt werden, damit eine Gefährdungsbeurteilung als rechtssicher angesehen werden kann: Sie sollte

  • von fachkundigen Personen durchgeführt werden.
  • arbeitsplatz- und tätigkeitsbezogen erfolgen.
  • sich nicht auf die naheliegenden Risiken beschränken, sondern alle Verletzungsrisiken und potenziellen Gesundheitsbelastungen erfassen.
  • die betroffenen Mitarbeiter einbeziehen.
  • fortgeschrieben werden und dabei die Wirkung getroffener Maßnahmen überprüfen.
  • sorgsam dokumentiert werden.

Schon der erste Punkt betrifft die Elektrofachkraft. Denn wenn ein Arbeitgeber nicht selbst über die notwendigen Fachkenntnisse verfügt, muss er sich bei der Gefährdungsbeurteilung unterstützen lassen. Immer dann, wenn es in Sachen Elektrosicherheit über die offensichtlichen Gefährdungen hinausgeht, kann auch die Kompetenz der Fachkräfte für Arbeitssicherheit an Grenzen stoßen. Welche Regeln müssen wir aufstellen für das Reinigen eines Schaltschranks? Welche Anforderungen an ESD-Sicherheitsschuhe müssen wir für explosionsgefährdete Bereiche festlegen? Hier sind die betrieblichen Arbeitsschützer gut beraten, mit der Elektrofachkraft – die im weitesten Sinne ebenfalls als Arbeitsschützer gilt – eng zusammenzuarbeiten.

Zusammenarbeit von Elektrofachkraft und Fachkraft für Arbeitssicherheit

Wie die Zusammenarbeit z.B. von Elektrofachkraft und Fachkraft für Arbeitssicherheit aussehen soll, bleibt den Unternehmen überlassen. Es gibt auch keine Vorgaben für die Verteilung von Aufgaben und Einsatzzeiten, wie sie etwa die Berufsgenossenschaften in der DGUV Vorschrift 2 zwischen Fachkraft für Arbeitssicherheit und Betriebsarzt festgelegt haben. In der für Elektrofachkräfte relevanten DGUV Vorschrift 3 wird die Fachkraft für Arbeitssicherheit nicht einmal erwähnt.

Auch der Gesetzgeber bleibt bei der Einordnung der Elektrofachkraft in den betrieblichen Arbeitsschutz eher zurückhaltend. Weder die alte noch die neue Betriebssicherheitsverordnung (BetrSichV) kennen den Begriff Elektrofachkraft. Die Betriebssicherheitsverordnung nennt die sogenannte „befähigte Person“. Diese ist durch ihre Berufsausbildung, Berufserfahrung und zeitnahe berufliche Tätigkeit qualifiziert. Inwiefern eine Elektrofachkraft eine „befähigte Person“ darstellt, wird immer wieder diskutiert, kann aber im Grunde nur im konkreten Einzelfall entschieden werden. Fakt ist jedoch, dass elektrische Betriebsmittel, Installationen und Anlagen nur von einer Elektrofachkraft oder durch eine elektrotechnisch unterwiesene Person unter Aufsicht einer Elektrofachkraft installiert, geprüft und gewartet werden dürfen. Und die Ergebnisse solcher Elektroprüfungen werden in die Gefährdungsbeurteilungen einfließen müssen.

Der Ablauf einer Gefährdungsbeurteilung

Es gibt inzwischen eine Vielzahl von Broschüren, Leitfäden und Handlungshilfen für die betriebliche Gefährdungsbeurteilung. Nicht zu wissen, wie man mit einer Gefährdungsbeurteilung anfangen soll, kann als „Entschuldigung“ nicht mehr gelten. Meist wird der Prozess der Gefährdungsbeurteilung in 5 bis 8 Schritte eingeteilt, die mehr oder weniger dem folgenden Schema entsprechen:

  1. Vorbereiten: Erfassen der Betriebsorganisation, Festlegen von Arbeitsbereichen, Personengruppen und/oder Tätigkeiten.
  2. Ermitteln der vorhandenen Gefährdungen und potenziellen Gesundheitsbelastungen.
  3. Beurteilen der Gefährdungen, z.B. mithilfe einer Risikomatrix.
  4. Festlegen von Arbeitsschutzmaßnahmen nach dem TOP-Grundsatz: Technische vor organisatorischen vor personenbezogenen Schutzmaßnahmen.
  5. Festgelegte Maßnahmen im Betrieb durchführen und Sicherheitsregeln umsetzen.
  6. Überprüfen, ob die getroffenen Maßnahmen wirken (und nicht zu neuen Gefährdungen führen).
  7. Stetes Fortschreiben der Gefährdungsbeurteilung.

Abb. 1: Ergebnis der Gefährdungsbeurteilung (Bildquelle: ElektroCheck)

Ergebnis der Gefährdungsbeurteilung

Aus Sicht der Elektrofachkraft sind drei elementare Punkte relevant:

  • Elektrogefahren stellen einen der etwa ein Dutzend Aspekte im Katalog der klassischen Gefährdungsfaktoren dar.
  • Die Gefährdungsbeurteilung ist Ausgangspunkt beim Festlegen von Schutzmaßnahmen. Diese gelten selbstverständlich auch für die Elektrofachkraft, wie etwa ein Helmtragegebot. Dazu kommen die Schutzmaßnahmen speziell für elektrotechnische Arbeiten. Diese sind nicht nach Belieben, sondern als Ergebnis der Gefährdungsbeurteilung festzusetzen.
  • Die Gefährdungsbeurteilung ist die Basis, um die Prüffristen für elektrische Betriebsmittel gemäß Betriebssicherheitsverordnung zu ermitteln (s. Abb.).

Fazit

Wie die Elektrofachkraft in die Gefährdungsbeurteilungen einbezogen wird, bleibt jedem Betrieb selbst überlassen. Je nach Branche, Tätigkeiten und Gefährdungen wird sie mehr oder weniger umfassend beteiligt werden. Eine Elektrofachkraft, die sich verweigert und mit Gefährdungsbeurteilungen nichts zu tun haben will, disqualifiziert sich jedoch selbst. Spätestens nach einem Elektrounfall wird gefragt werden, wer fachkundig Elektrogefahren beurteilt hat, auf welche Weise Prüffristen für elektrische Betriebsmittel festgelegt wurden, wer ein Risiko in Sachen Elektrosicherheit hätte erkennen können usw.

Autor: Dr. Friedhelm Kring

Das Wichtigste aus dem Beitrag zusammengefasst:

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  So erstellen Sie eine Gefährdungsbeurteilung

 

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Kommentare

Kommentar von Walter Faust |

Gerade die Gefährdungsbeurteilung nach DGUV V3 wird häufig vom Kunden nicht gewünscht, obwohl auch in diesem Bericht Dr. Kring auf die Notwendigkeit hingewiesen hat. Hier müsste noch mehr Überzeugungsarbeit beim Kunden geleistet werden.
Walter Faust

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