3,9/5 Sterne (42 Stimmen)
Prüfung ortsveränderlicher elektrischer Betriebsmittel 3.9 0 5 42

Prüfung ortsveränderlicher elektrischer Geräte

Elektrische Anlagen müssen einer Sicherheitsüberprüfung unterzogen werden - Bild
Elektrische Anlagen müssen einer Sicherheitsüberprüfung unterzogen werden (Bildquelle: KatarzynaBialasiewicz/iStock/Thinkstock)

Frage aus der Praxis

Wir sind ein mittelständisches Unternehmen mit ca. 150 Mitarbeitern und einem angestellten Elektriker. Wir bekamen im Jahr 2000 von unserer Berufsgenossenschaft die Vorgabe, unsere elektrischen ortsveränderlichen Geräte regelmäßig nach DGUV Vorschrift 3 (BGV A3) zu prüfen.
Von Anfang an kam aber unser Elektriker mit der Prüfung nicht hinterher, sodass wir mehrere elektrotechnisch unterwiesene Personen ausgebildet und mit der Prüfung beauftragt haben.
Das Prüfintervall haben wir aufgrund der geringen Fehlerquote auf drei Jahre gesetzt. Unser Elektriker geht seitdem wieder seinen eigentlichen Tätigkeiten nach. Nun habe ich von einer sogenannten TRBS 1203 gehört! Was hat es damit auf sich? Kann ich meine elektrotechnisch unterwiesene Person nicht mehr zum Prüfen einsetzen?

Antwort des Experten

Prüfpflicht im Unternehmen

Wie in der Frage richtig erwähnt, gibt es seitens der Berufsgenossenschaft (BG) die Forderung, Arbeitsmittel einer Sicherheitsüberprüfung zu unterziehen: vor der ersten Inbetriebnahme, nach einer Instandsetzung oder Änderung und in bestimmten Zeitabständen, beschrieben in der DGUV Vorschrift 3 (BGV A3) „Elektrische Anlagen und Betriebsmittel“.

Als Orientierung für die Bestimmung des Prüfintervalls konnten hier die dazugehörige Durchführungsanweisung (DA) und Tabelle 1B mit beispielhaften Intervallen und einer Fehlerquote von weniger als 2 % herangezogen werden.

Doch diese Durchführungsanweisung hatte keinen Rechtscharakter, sie diente lediglich als Handlungsanleitung. Rechtscharakter haben nur die in der DGUV Vorschrift 3 („Elektrische Anlagen und Betriebsmittel“, ehemals BGV A3) grau hinterlegten Paragrafen. So steht in § 5 DGUV Vorschrift 3 („Elektrische Anlagen und Betriebsmittel“, ehemals BGV A3), das Prüfintervall sei so zu bestimmen, dass entstehende Mängel, mit denen gerechnet werden muss, auch rechtzeitig festgestellt werden.

Eine klare Forderung, sich über Gefährdungen Gedanken zu machen und dementsprechend das Prüfintervall festzulegen. Auch gab es in der Tabelle 1B die Angabe, eine elektrotechnisch unterwiesene Person (EuP) dürfe mit geeigneten Mess- und Prüfmitteln alleine prüfen.

Doch schauen wir in § 5 Abs. 1 Satz 1 DGUV Vorschrift 3 („Elektrische Anlagen und Betriebsmittel“, ehemals BGV A3), hier steht etwas von „Einsatz unter Leitung und Aufsicht einer Elektrofachkraft“! Dies macht deutlich, dass die elektrotechnisch unterwiesene Person (EuP) eine Prüfung nicht eigenverantwortlich durchführen, sondern nur unter Leitung und Aufsicht einer Elektrofachkraft (EFK) tätig werden darf. Leider wurde dies sehr häufig falsch umgesetzt.

Leitbildwechsel

Forderungen des Gesetzgebers

Gemäß der Betriebssicherheitsverordnung (BetrSichV) ist der Arbeitgeber/Betreiber für die sichere Bereitstellung und Benutzung elektrischer Arbeitsmittel verantwortlich. So hat er sicherzustellen, dass Arbeitsmittel nach der Montage und vor der ersten Inbetriebnahme von einer hierzu befähigten Person (bP) geprüft werden. Der Begriff wird in der Technischen Regel für Betriebssicherheit (TRBS) 1203 „Befähigte Personen“ konkretisiert –

Auch die TRBS 1201 „Prüfungen von Arbeitsmitteln und überwachungsbedürftigen Anlagen“ fordert die Bewertung der Ergebnisse durch eine befähigte Person. Dabei sind nach der Betriebssicherheitsverordnung Art, Umfang und Fristen der Prüfung sowie die erforderliche Befähigung der prüfenden Person anhand einer Gefährdungsbeurteilung zu ermitteln und auch zu dokumentieren.

Definition wichtiger Begrifflichkeiten

EFK nach VDE 1000-10:2009-01

Als Elektrofachkraft (EFK) gilt, wer aufgrund seiner fachlichen Ausbildung, Kenntnisse und Erfahrungen sowie Kenntnis der aktuellen Normen und Bestimmungen die ihm übertragenen Arbeiten beurteilen und mögliche Gefahren erkennen kann.

EuP nach VDE 1000-10:2009-01

Elektrotechnisch unterwiesene Person (EuP) ist, wer durch eine Elektrofachkraft hinsichtlich der ihr übertragenen Aufgaben und der möglichen Gefahren bei unsachgemäßem Verhalten unterrichtet und erforderlichenfalls angelernt sowie über die notwendigen Schutzeinrichtungen und Schutzmaßnahmen belehrt wurde.

BP nach TRBS 1203

Nach der TRBS 1203 gilt jemand als befähigte Person (bP), wer eine elektrotechnische Ausbildung oder ein elektrotechnisches Studium abgeschlossen hat, mindestens ein Jahr Berufserfahrung in dem Bereich hat, für den er befähigt wird, eine zeitnahe berufliche Tätigkeit in diesem Bereich ausgeübt hat, die Kenntnisse der Normen und Regelwerke sowie die Fähigkeit des Prüfens durch Teilnahme an Seminaren oder einem einschlägigen Erfahrungsaustausch erlangt hat und durch seinen Arbeitgeber schriftlich zur befähigten Person bestellt wurde.

Leitung und Aufsicht nach VDE 1000-10:2009-01

Unter „Leitung und Aufsicht einer Elektrofachkraft“ ist nicht zu verstehen, dass diese ständig zugegen sein muss; sie muss sich vielmehr in angemessenen Zeitabschnitten davon überzeugen, dass die erteilten Anweisungen beachtet werden und sicherheitsgerecht gearbeitet wird. Die Elektrofachkraft/befähigte Person ist insoweit für die übertragenen Tätigkeiten verantwortlich.

Zwischenfazit

Einsatz einer EuP

Die Forderungen der Betriebssicherheitsverordnung machen deutlich, dass kein elektrotechnischer Laie, kein Auszubildender und keine elektrotechnisch unterwiesene Person befähigt ist, alleine Prüfungen an elektrischen Arbeitsmitteln durchzuführen.

Muss ich nun ganz auf den Einsatz meiner elektrotechnisch unterwiesenen Person verzichten?

Nein, auf den Einsatz elektrotechnisch unterwiesener Personen muss nicht verzichtet werden. Die Lösung ist die Bildung eines Prüfteams! Beschrieben ist sie im Informationsblatt der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV), dem Dachverband der Berufsgenossenschaften.

In der DGUV Information 203-071 (ehemals BGI/GUV-I 5190 (Juni 2010)) heißt es in Abschnitt 4 „Anforderungen an das Prüfpersonal“:

„[…] Dennoch ist es möglich, dass in einem Prüfteam die EuP im Rahmen der Wiederholungsprüfungen elektrotechnische Tätigkeiten übernimmt und damit die befähigte Person unterstützt. […]“

Verantwortlich für die Prüfung, das Bewerten der Ergebnisse und die Dokumentation bleibt die befähigte Person.

Tipp der Redaktion
Wiederholungsschulung zur EuP

Die EuP kann Prüfaufgaben im Team übernehmen. Bevor sie rechtssicher nach VDE 0701-0702 im Prüfteam eingesetzt werden kann, muss sie aber in ihre Aufgaben unterwiesen und auf mögliche Gefahren hingewiesen werden.

Umsetzung der Forderungen

Dank des Stands der Technik ist es uns heute möglich, die oben genannten Forderungen mittels verschiedener adäquater Mittel praxisnah und rechtssicher umzusetzen. Eine Software wäre eines dieser geeigneten Mittel.

Mit einer Software lassen sich Prüfungen rechtssicher und normkonform dokumentieren und über eine Add-in-Technologie können Messgeräte mithilfe hinterlegter Prüfabläufe auch direkt angesteuert werden. Dies bedeutet, dass die befähigte Person in einer Software einem Arbeitsmittel oder Betriebsmittel einen Prüfablauf mit speziell auf den Prüfling angepassten Grenzwerten hinterlegt. Die ausführende elektrotechnisch unterwiesene Person startet nun den für das elektrische Arbeitsmittel oder Betriebsmittel vorgegebenen Ablauf, wobei sie wegen der engen Grenzwerte keine Bewertung mehr vorzunehmen hat.

Die Messwerte werden direkt vom Messgerät zurück an die Software geschickt und nach Beendigung der Prüfung wird automatisch ein Prüfbericht erstellt. Der erzeugte Prüfbericht entspricht den Mindestanforderungen für Prüfberichte aus der VDE-Norm, zuzüglich der Angabe des Prüfteams, der geänderten Grenzwerte und der Unterschrift der befähigten Person.

Loggt sich die befähigte Person mit Benutzername und Kennwort in die Software ein, ist der erzeugte Prüfbericht auch ohne ihre Unterschrift gültig. Die befähigte Person übernimmt so die Verantwortung für die Prüfung, das Bewerten der Ergebnisse und die Dokumentation einer Prüfung. Mit diesem adäquaten Mittel kann auch eine elektrotechnisch unterwiesene Person in das Prüfgeschäft mit eingebunden werden.

Beispiel: enge Vorgaben durch eine „befähigte Person“ mittels Software

Auszug vorangelegter Arbeitsmitteltypen in einer Software
Abb. 3: Auszug vorangelegter Arbeitsmitteltypen in einer Software
Auszug aus einem vorgegebenen Prüfablauf für einen Arbeitsmitteltyp in einer Software
Abb. 4: Auszug aus einem vorgegebenen Prüfablauf für einen Arbeitsmitteltyp in einer Software

Anwendung richtiger Messverfahren

Beim Erstellen der Prüfabläufe entscheidet die befähigte Person über das zur Anwendung gelangende Messverfahren (Passiv- oder Aktivmessung).

Aktivmessung

(direktes oder Differenzstrom-Messverfahren):

  • Am Prüfling liegt Netzspannung an.
  • Alle Komponenten des Prüflings werden aktiv geschaltet.

Passivmessung

(Ersatzableitstrom-Messverfahren):

  • Am Prüfling liegt keine Netzspannung an.
  • Phase und Neutralleiter werden gebrückt, die Prüfspannung beträgt 40 bis 250 V, je nach Messgerätehersteller.
  • Die Komponenten des Prüflings können nur bei mechanischen Einschaltern „aktiv“ geschaltet werden.

angepasste Grenzwerte pro Arbeitsmittelart.

An das Arbeitsmittel angepasste Grenzwerte in einer Software
Abb. 5: An das Arbeitsmittel angepasste Grenzwerte in einer Software

Die Vorgaben für die elektrotechnisch unterwiesene Person zu machen und dies in der Software richtig zu hinterlegen, ist alleine Sache der befähigten Person.

Sie legt die Daten der Arbeitsmittel zur weiteren Dokumentation an und gibt vor, welche Einzelprüfungen an einem Arbeitsmittel durchgeführt werden. Durch die enge Festlegung eines Grenzwerts, der sich an den physikalischen Eigenschaften des Materials und den Erfahrungswerten der befähigten Person orientiert, wurde die Bewertung der Messergebnisse der elektrotechnisch unterwiesenen Person bereits abgenommen.

Bewerten eines Messwerts

Beispiel

Messung des Schutzleiterwiderstands an einem Arbeitsmittel mit einer 1,5 m langen Zuleitung und einem Leiterquerschnitt von 1,5 mm2

Nach VDE 0701-0702, Abschnitt 5.3 liegt der Grenzwert bei 0,3 Ohm, bis zu einer Länge von 5 m Zuleitung.
Die Messung ergibt einen Wert von 0,27 Ohm. Es scheint alles in Ordnung zu sein. Das Messgerät würde der elektrotechnisch unterwiesenen Person eine positive Messung anzeigen.

Hinweis

Hier gilt es in jedem Fall den Messwert fachlich zu hinterfragen!
Denn rechnerisch ergibt der Leitungswiderstand ca. 0,019 Ohm. Mit allen Übergangswiderständen an den Verbindungsständen darf der Wert nicht mehr als maximal 0,1 Ohm betragen. Alles andere deutet auf einen Fehler oder sogar auf einen zu geringen Querschnitt hin.

Um den gemessenen Wert beurteilen zu können, bedarf es also Fachwissen und Erfahrung. Beides haben eine elektrotechnisch unterwiesene Person oder ein Auszubildender meist nicht! Doch durch das Eingrenzen des Grenzwerts durch die befähigte Person wird ihnen die Bewertung abgenommen.

Dokumentation der Prüfung

Prüfbericht mit allen erforderlichen Inhalten eines rechtssicheren Dokuments
Abb. 6: Prüfbericht mit allen erforderlichen Inhalten eines rechtssicheren Dokuments

Aus der Dokumentation müssen der Name des Prüfers im Prüfteam (EuP) und der der befähigten Person ersichtlich sein (Punkt 1).Unter Punkt 2 sind die geänderten Grenzwerte des von der befähigten Person angelegten Prüfablaufs deutlich zu erkennen. Eine Bewertung wurde so der elektrotechnisch unterwiesenen Person abgenommen. Verantwortlich für die Prüfung bleibt die befähigte Person, was sie mit ihrer Unterschrift (Punkt 3) bestätigt.

Fazit

Die Vorgaben der Betriebssicherheitsverordnung und der Technischen Regeln für Betriebssicherheit haben schon ihre Richtigkeit. Um eine Prüfung – gerade im Elektrobereich – ordentlich durchführen zu können und somit die Sicherheit und den Gesundheitsschutz der Beschäftigten zu gewährleisten, bedarf es Fachwissen und Eigenverantwortung. Eine elektrotechnisch unterwiesene Person oder ein Auszubildender können diese Voraussetzungen nicht mitbringen.

Lediglich unter engen Vorgaben hinsichtlich des Prüfablaufs und der Grenzwerte für ein Arbeitsmittel oder Betriebsmittel können eine elektrotechnisch unterwiesene Person oder ein Auszubildender im Prüfgeschäft mit eingebunden werden. Hier wird ein sogenanntes Prüfteam gebildet. Verantwortlich für den Prüfablauf, die Bewertung der Prüfergebnisse und deren Dokumentation bleibt immer die befähigte Person.

Zur Umsetzung dieser Arbeiten unter Leitung und Aufsicht bedarf es adäquater Mittel, z.B. einer Software, die mit erstellten Prüfabläufen das Messgerät ansteuert und die Messwerte sowie die Prüfung anschließend rechtssicher dokumentiert.

Beispiel: enge Vorgaben durch eine befähigte Person mittels Messgerät

Die per Software erstellten Prüfabläufe können auch auf ein speichermediumlesendes Messgerät geladen werden, um so ebenfalls das Prüfen im Prüfteam zu realisieren.
Ein gutes Beispiel für diese Variante sind die Messgeräte der PAT400er-Reihe.

Hier werden in einer Software durch die befähigte Person Prüfabläufe mit angepassten Grenzwerten generiert und auf einem Medium gespeichert. Die gespeicherten Prüfabläufe lassen sich im Messgerät abrufen. An den entsprechenden elektrischen Arbeitsmitteln kann nun die von der befähigten Person vorgegebene Prüfung durchgeführt werden.

Die Dokumentation übernimmt wieder die befähigte Person.
Auch diese Vorgehensweise ist ein weiteres probates Mittel, um elektrotechnisch unterwiesene Personen oder Auszubildende in einem Prüfteam rechtssicher mit ins Prüfgeschäft einzubeziehen.

Autor: Richard Lauer

Haben Sie auch eine Frage?
Fragen und Antworten zur Elektrotechnik und Elektrosicherheit Wir helfen Ihnen weiter. Schicken Sie uns einfach Ihre Fachfrage. Unsere anerkannten Experten aus der Praxis beantworten sie gerne.
Kommentare

Kommentar von G. Weiß |

Noch eine Frage zur befähigten Person: Darf eine Elektrofachkraft für festgelegte Tätigkeiten, mit der Schulung und Einweisung zur Durchführung der Wiederkehrenden Prüfung, selbstständig Prüfungen an ortsveränderlichen Geräten durchführen und ggfalls. ein Prüfteam mit einer EUP bilden?
Vielen Dank und viele Grüße
G. Weiß

Kommentar von Czekalla Wolfgang |

Sehr geehrte Damen und Herren,

die Rechtslage wird von Ihnen umfassend und sehr verständlich dargestellt. Für mich stellt sich die Frage, woher bekommt ein Betrieb ohne Elektrofachkraft aber mit unterwiesener EUP und Prüfgerät eine befähigte Person zur Über- wachung her?

Mit freundlichem Gruß

Wolfgang Czekalla

Kommentar von Das Magazin |

Sehr geehrte Damen und Herren

toller Bericht, sehr gute Erklärung des Problems.

Grüße
Josef Huck

* Pflichtfeld