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Normen hinken der Prüfpraxis hinterher

Normen in der Praxis nicht immer anwendbar - Bild
Normen in der Praxis nicht immer anwendbar

Frage aus der Praxis

Bei der Prüfung elektrischer Ausrüstungen von Verpackungsmaschinen müssen Abnahmemessungen vorgenommen werden. Wie ist dabei vorzugehen, wenn es bei der Hochspannungsmessung Bauteile gibt, die schon bei der Isolationsmessung 1 M OHM anzeigen und somit nicht mit der Hochspannung geprüft werden können? Bei der Isolationsmessung existieren auch Bauteille, die die Prüfspannung nicht aushalten, so dass fast immer auf einen Teil der Messungen verzichtet werden muss. Im Werk wird zudem die Durchgängikeit des Schutzleitersystem gemessen (10A), doch danach wird die Maschine abgebaut und beim Kunden neu aufgebaut. Wieviel Punkte müssen beim Kunden bei der Schleifenmessung durchgeführt werden? (Meistens zeigt es sich nach ein paar Messpunkte schon, ob die Erdung passt und ob der Kurzschlussstrom hoch genug ist).

Antwort des Experten

Die Produktnormen der Geräte zeigen: Die Normen hinken der Prüfpraxis hinterher: Zwischen den Vorgaben der Prüfnormen und der Prüfpraxis besteht nicht immer eine 100%tige Übereinstimmung. Dies kann auch gar nicht sein, da der Prüfer immer mit neuartigen Prüfobjekten konfrontiert wird und seine Prüfverfahren entsprechend auswählen oder anpassen muss. Dabei entsteht nun u. a. auch die Frage, wie elektronische Bauteile zu prüfen sind, die der vorgegebenen Prüfspannung nicht standhalten. Sie wird nachstehend beantwortet.

Die von Ihnen dargestellt Problematik der hohen Prüfspannungen betrifft nicht nur Ihre elektrischen Maschinenausrüstungen, sondern eigentlich alle elektrischen Erzeugnisse die nicht mehr der reinen "Starkstromtechnik" zugeordnet werden können. Wir müssen uns ganz allgemein und natürlich auch beim Prüfen auf die Besonderheiten der elektronische Bauelemente und Baugruppen einstellen, d. h. auf ihre Eigenschaften und Kennwerte Rücksicht nehmen.

Spannungsprüfung und Isolationswiderstandsmessung kaum angewandt

In den Produktnormen der Geräte ist bereits deutlich zu erkennen, dass Spannungsprüfung und Isolationswiderstandsmessung bei der Stückprüfung kaum noch zur Anwendung kommen, in den jetzigen Prüf-Normen unserer Anlagen und Betriebsmittel allerdings, kommt dies noch nicht so zum Ausdruck. Da hat die Praxis - wie Sie mit Ihrem aus der Not geborenen Verzicht auf diese Prüfungen ja auch zeigen - die Normen überholt. Künftig wird es zunehmend der Praktiker vor Ort sein müssen, der die Entscheidung darüber trifft, wie er das ordnungsgemäße Isoliervermögen seiner Prüflinge nachweist. Dies wird auch in den Prüf-Normen seinen Platz finden. So wird es voraussichtlich im Zusammenhang mit dem Messen des Isolationswiderstands künftig sinngemäß heißen :

"Die Messung darf bei Kleinspannung führenden Teilen und bei Geräten der Informationstechnik entfallen, wenn durch das dabei nötige Adaptieren (z.B. an Schnittstellen) oder durch den Messvorgang, eine Beschädigung des Geräts erfolgen kann."

Zugeständnisse kein Freibrief

Solche Zugeständnisse hinsichtlich der Prüfmethode sind aber kein allgemeingültiger Freibrief. Der Prüfer hat trotzdem dafür zu sorgen, dass die Schutzmaßnahmen, d. h. hier die sichere Trennung zwischen den Kleinspannung führenden Teilen und dem Versorgungsnetz ordnungsgemäß wirksam sind. D.h., es ist nunmehr allein durch die konsequente Auswahl geeigneter zuverlässiger Geräte (z. B. Schaltnetzteile seriöser Hersteller mit CE und GS-Zeichen) sowie durch gründliches Besichtigen das ausreichende Sicherheitsniveau zu gewährleisten.

Wirksamkeit des Schutzleitersystems nachweisen

Hinsichtlich des Schutzleitersystems ist in ähnlicher Weise durch den Prüfer zu entscheiden, wie er dessen durchgängige Wirksamkeit nachweist. Wenn Sie beim Kunden die elektrische Ausrüstung einer Maschine montieren/zusammensetzen so ist dies mit dem Errichten eines Anlagenteils gleichzusetzen. Das heißt zumindest an einer - der elektrisch gesehen ungünstigsten - Stelle der Ausrüstung, ist der Schleifenwiderstand nach DIN VDE 0100-610 zu messen und für alle Anschlussstellen (Steckdosen, Motoren usw.) der ordnungsgemäße Zustand der Verbindung des Schutzleiters zur PE-Schiene des vor geordneten Verteilers nachzuweisen. Ob Sie diesen Nachweis immer durch Besichtigen und Messen führen, oder ob Sie bzw. der betreffende Monteur allein durch das Besichtigen erkennt, dass die Verbindung mit dem vorgegebenen Leitungsmaterial und den vorgegebenen Klemmen einwandfrei vorgenommen wurde, auch das können Sie als der für die Prüfung Verantwortliche entscheiden.

Autor: Dipl.-Ing. Klaus Bödeker, Fachautor für Prüftechnik

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