3,9/5 Sterne (8 Stimmen)
Vielfachmessgeräte als Spannungsprüfer? 3.9 5 8

Vielfachmessgeräte als Spannungsprüfer?

(Kommentare: 0)

Sicheres Feststellen der Spannungsfreiheit- Bild
Sicheres Feststellen der Spannungsfreiheit

Zum Feststellen der Spannungsfreiheit bei Niederspannungsanlagen werden stets zweipolige Spannungsprüfer verwendet. Von Vielfachmessgeräten ist abzuraten.

Selbst wenn die eingesetzten Multimeter ähnlich wie Spannungsprüfer zweipolig ausgeführt sind und vorab geprüft werden, ist das Vorgehen riskant und kann tödlich enden.

Ursprünglich wurden in früheren Vorschriften und Normen ortsveränderliche Vielfachmessgeräte auch zum Feststellen der Spannungsfreiheit toleriert. In den beiden letzten Jahrzehnten hat es allerdings eine Anzahl schwerer und tödlicher Unfälle bei dieser Handhabung gegeben, da entweder im Vielfachmessgerät, aus welchen Gründen auch immer, Überschläge auftraten oder auch die Messgeräte mit eingeschaltetem Strommessbereich versehentlich als Spannungsprüfer verwendet wurden.

Vielfachmessgeräte nicht als Spannungsprüfer verwenden

Es hängt dann nur von der vorgeschalteten Sicherung bzw. der Leistung der energietechnischen Anlage ab, welchen Umfang der durch den entstehenden Lichtbogen verursachte Körper- oder Sachschaden erreicht.

In der Norm DIN VDE 0105-100 vom Juni 2000 und der entsprechenden Kommentierung heißt es daher beim Thema Spannungsfreiheit feststellen u.a.:

Regelungen in der Norm DIN VDE 0105-100

6.2.3 Spannungsfreiheit feststellen

Die Spannungsfreiheit muss an oder so nahe wie möglich der Arbeitsstelle allpolig festgestellt werden. Dabei sind betriebliche Anweisungen einzuhalten, nach denen z.B. bestimmte festeingebaute oder ortsveränderliche Prüfgeräte oder Prüfsysteme verwendet werden müssen. Ortsveränderliche Messgeräte und Spannungsprüfer sind mindestens unmittelbar vor Gebrauch und nach Möglichkeit auch nach Gebrauch zu überprüfen.

Wenn freigeschaltete Kabel an der Arbeitsstelle nicht eindeutig ermittelt werden können, sind stattdessen andere bewährte Sicherheitsmaßnahmen zu treffen, z.B. die Anwendung geeigneter Kabelschneid- oder Kabelbeschussgeräte.

Wenn zum Feststellen der Spannungsfreiheit ferngesteuerte Erdungsschalter verwendet werden, muss die Schaltstellung des Erdungsschalters vom Fernsteuerungssystem zuverlässig übertragen werden.

Das Feststellen der Spannungsfreiheit erfordert die Kenntnis der einschlägigen Bestimmungen sowie Kenntnisse über den Aufbau der Anlage und setzt sicherheitsgerechtes Verhalten voraus.

Feststellen der Spannungsfreiheit nicht durch elektrotechnische Laien
Darum darf es nicht durch Laien ausgeführt werden. Selbst Elektrofachkräfte oder elektrotechnisch unterwiesene Personen müssen in diesen Arbeiten in dem jeweiligen Spannungsbereich geübt sein.

6.2.3.102 Wenn nach 6.2.4.3.101 geerdet und kurzgeschlossen wird, ist die Spannungsfreiheit zusätzlich an allen Ausschaltstelle allpolig festzustellen.

Hierbei geht es insbesondere um Freileitungen mit Nennspannungen über 1 kV bis 30 kV, bei denen an der Arbeitsstelle und nur an einer Ausschaltstelle geerdet und kurzgeschlossen wird.

6.2.3.103 Die Spannungsfreiheit der freigeschalteten Anlagenteile ist festzustellen

  • mit Spannungsprüfern oder
  • mit fest eingebauten Messgeräten, Signallampen oder anderen geeigneten Vorrichtungen, wenn beim Ausschalten der Spannung die Veränderung der Anzeige beobachtet wird, oder
  • durch Einlegen fest eingebauter Erdungseinrichtungen, z.B. einschaltfeste Erdungsschalter nach DIN VDE 0670-2 (VDE 0670-2) oder durch Einfahren von Erdungswagen.

Feststellen der Spannungsfreiheit gilt als Arbeiten unter Spannung.
Das Feststellen der Spannungsfreiheit mit einem Spannungsprüfer gilt als Arbeiten unter Spannung. Die Verwendung von Vielfachmessgeräten hat an energiereichen Anlagenteilen zu hohem Unfallgeschehen geführt. Deshalb sind sie nicht zugelassen. Sonstige ortsveränderliche Messgeräte sind zum Feststellen der Spannungsfreiheit geeignet, wenn sie auch den Bestimmungen für Spannungsprüfer entsprechen.

In elektrischen Anlagen mit Nennspannungen bis 1.000 V werden zur Feststellung der Spannungsfreiheit Spannungsprüfer nach DIN VDE 0680, in Anlagen mit Nennspannungen über 1 kV solche nach DIN VDE 0681 verwendet.

Aus dem vorstehend zitierten Text erkennt man, dass in der Norm zwar ortsveränderliche Messgeräte nicht generell verboten sind, diese jedoch praktisch einem Spannungsprüfer voll entsprechen müssen. Andererseits wird in der Kommentierung zu diesem Abschnitt (Heft 13 – Betrieb von elektrischen Anlagen – der VDE-Schriftenreihe) die Verwendung von Vielfachmessgeräten generell aus den angeführten Gründen ausgeschlossen.

Bei Vielfachmessgeräten ist Irrtum bei der Messbereichsauswahl nicht zu verhindern.
Jeder Praktiker wird bestätigen, dass im Eifer der Arbeit, noch dazu unter Zeitdruck, immer wieder einmal ein Vielfachmessgerät mit falschem Messbereich verwendet wird. Wenn dann nur das Gerät beschädigt oder vollständig unbrauchbar geworden ist, kann dies zwar zu Ärger führen, aber die Situation sieht ganz anders aus, wenn ein Mitarbeiter durch die Wirkung des Störlichtbogens verletzt oder gar getötet wird.

Daher der gute Rat:

  • zum Feststellen der Spannungsfreiheit nur normgerechte Spannungsprüfer mit Eignung für den jeweiligen Spannungsbereich verwenden
  • wenn ortsveränderliche Messgeräte verwendet werden, dann nur solche, die ausschließlich für den jeweiligen Spannungsbereich geeignet und nicht umschaltbar sind. Hierzu sollte vom Hersteller eine ausdrückliche Bestätigung vorliegen.
  • Dies bedeutet, dass Vielfachmessgeräte („Multimeter“) für diese Verwendung grundsätzlich ausscheiden. Im Übrigen sind Spannungsprüfer im Regelfall wesentlich robuster und preiswerter als Vielfachmessgeräte oder auch andere ortsveränderliche Messgeräte.

Autor: Dipl.-Ing. H.H. Egyptien

Zurück

Kommentare

Diskutieren Sie mit

* Pflichtfeld
Mit der Nutzung unserer Webseiten erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. Weiterlesen