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Die Bezeichnung eines Leiters hängt von der Netzform ab

Nicht immer, so besagt die VDE 0100-510. Denn die Bezeichnung eines Leiters ist von der Netzform abhängig. Und diese kann unter bestimmten Umständen geändert werden. Als Beispiel einer besonderen Netzform wird im folgenden Artikel die Versorgung eines medizinisch genutzten Bereichs näher erläutert.

Die Versorgung eines Gruppe 2-Bereichs eines medizinisch genutzten Bereichs mit der Anforderung einer ZSV-Versorgung soll hier der Erläuterung dienen.

Aufbau der Versorgung

Die Versorgung des Bereiches erfolgt aus dem Drehstrom-System der Sicherheitsstromversorgung und dem Wechselstrom-System des BSV-Geräts. Die in Bild 1 dargestellte Versorgung beinhaltet nicht alle erforderlichen Umschalteinrichtungen und Verteiler für eine sichere und normgerechte Versorgung des Bereiches, sondern nur die zur Erläuterung relevanten Komponenten.

Abb. 1: Prinzipieller Versorgungsaufbau

files/content/grafiken/Der Neutralleiter ist blau zu kennzeichnen – die blaue Ader ist/02.jpg

Begriffe

Neutralpunkt

Der Neutralpunkt ist der gemeinsame Punkt eines in Sternschaltung betriebenen Mehrphasensystems bzw. der geerdete Mittelpunkt eines Einphasensystems.

Neutralleiter

Der Neutralleiter ist der Leiter, der mit dem Neutralpunkt elektrisch verbunden ist. Er wird mit „N“ gekennzeichnet.

Außenleiter

Der Außenleiter ist ein Leiter, der unter Spannung steht, der Energieübertragung dient und kein Neutral- oder Mittelleiter ist. Er wird mit „L“ gekennzeichnet“

Schutzleiter PE

Der Schutzleiter ist ein Leiter zum Zweck der Sicherheit. Ist er geerdet, handelt es sich um einen Schutzerdungsleiter.

PEN-Leiter

Der PEN-Leiter ist ein Leiter, der gleichzeitig die Funktionen eines Schutzerdungsleiters und eines Neutralleiters übernimmt.

PEL-Leiter

Der PEL-Leiter ist ein Leiter, der gleichzeitig die Funktionen eines Schutzerdungsleiters und eines Außenleiters übernimmt.

Netzformen

Die einzelnen Netzformen (Systeme) unterscheiden sich nach der Art der Erdverbindung. In der zurückgezogenen DIN VDE 0100-410 befindet sich eine sehr gute Übersicht der einzelnen Systeme. Diese Übersicht ist in die DIN VDE 0100-100 übernommen worden. Eine direkte Gegenüberstellung ist hierbei leider entfallen.

Die nachfolgend beschriebenen Systeme beziehen sich auf die Darstellung aus Bild 1.

IT-System

Für die Versorgung der Patientenumgebung ist ein IT-System erforderlich. Bei diesem System sind alle Körper über einen Schutzerdungsleiter miteinander verbunden und geerdet. Die Außenleiter werden nicht geerdet und isoliert geführt.

Dieses System wird verwendet, um beim 1. Fehler eine Abschaltung zu vermeiden. Der Schutz erfolgt hierbei über eine Isolationsüberwachungseinrichtung und zweipolige Leitungsschutzschalter.

Abb. 2: IT-System

files/content/grafiken/Der Neutralleiter ist blau zu kennzeichnen – die blaue Ader ist/03.jpg

TN-System (Dreiphasenwechselstrom)

Die Versorgung aus dem System der Sicherheitsstromversorgung (SV) erfolgt als TN-System. Ab dem Hauptverteiler ist hier ein TN-S-System erforderlich. Der Neutralleiter wird nach seiner Abtrennung vom PEN-Leiter isoliert geführt und darf nicht wieder mit einem geerdeten Teil verbunden werden.

Abb. 3: TN-System (Dreiphasenwechselstrom)

files/content/grafiken/Der Neutralleiter ist blau zu kennzeichnen – die blaue Ader ist/04.jpg

TN-System (Einphasenwechselstrom)

Das BSV-Gerät stellt eine Spannungsquelle dar. Definitionsgemäß existiert jedoch kein Neutralleiter, da kein Sternpunkt im Gerät vorhanden ist. Bei den Abgängen handelt es sich folglich um Außenleiter. Bei dem Leiter zwischen dem Erdungspunkt des Systems und dem Abgangstransformator T1 handelt es sich um einen PEL-Leiter. Ansonsten ist der Aufbau identisch mit dem dreiphasigen TN-System.

Abb. 4: TN-System (Einphasenwechselstrom)

files/content/grafiken/Der Neutralleiter ist blau zu kennzeichnen – die blaue Ader ist/05.jpg

Leiterbezeichnung hinter der Umschalteinrichtung

Für die Umschalteinrichtung existieren 2 Schaltzustände.

Tab. 1: Schaltzustände der Umschalteinrichtung

Schaltzustand

K1

K2

1

EIN

AUS

2

AUS EIN

Im Schaltzustand 1 werden dem IT-System-Transformator T3 2 Außenleiter zugeführt (L1, L2). Beim Schaltzustand 2 erfolgt die Versorgung mit einem Außenleiter und einem Neutralleiter (L1, N).

Leiterkennzeichnung hinter der Umschalteinrichtung

Das Leitungsnetz hinter der Umschalteinrichtung ist kurzschluss- und erdschlusssicher zu verlegen. Hierfür ist der halogenfreie Leitungstyp NSHXAFö geeignet. Entsprechend seiner Bauartnorm kann die Aderisolierung nur in der Farbe schwarz erfolgen. Die Kennzeichnung der Außenleiter muss mit den Farben schwarz, braun oder grau erfolgen. Der Neutralleiter ist mit der Farbe blau zu kennzeichnen. Da es die Aderisolierung jedoch nicht in der Farbe blau gibt, ist es bei dieser Leitungsbauform zulässig, die Aderenden mit einer blauen Markierung zu versehen. Für den in Bild 1 als L2/N gekennzeichneten Leiter liegt eine Nutzung als Außenleiter und Neutralleiter vor. Dieser blau gekennzeichnete Leiter darf auch als Außenleiter verwendet werden.

Fazit

Die Anforderung an einen „flexiblen“ Umgang mit einer blau isolierten Ader entspricht den Anforderungen aus der Praxis. Eine starre Festlegung auf die ausschließliche Nutzung als Neutralleiter wäre nur in einem dreiphasigen TN-System oder einem ebenfalls dreiphasigem TT-System möglich.


Dipl.-Ing. (FH) Olaf Wulf VDE, Niederlassungsleiter im Ingenieurbüro Wendt GmbH (Bremen/Hamburg/München, www.wendtgmbh.de)

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