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VDE 0100-710: Norm für Niederspannungsanlagen in Praxen und Kliniken

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An die Elektrosicherheit in medizinisch genutzten Bereichen werden besondere Anforderungen gestellt
An die Elektrosicherheit in medizinisch genutzten Bereichen werden besondere Anforderungen gestellt (Bildquelle: poplasen/iStock/Thinkstock)

Die Norm VDE 0100-710 regelt die Anforderungen an die Elektrosicherheit in medizinisch genutzten Bereichen in Betriebsstätten, Räumen und Anlagen. Im Mittelpunkt stehen die Sicherheit für die Patienten und medizinisches Personal sowie eine kontinuierliche Stromversorgung. Zur Vorgänger-Norm sind einige Änderungen zu betrachten, die Einteilung in Risikogruppen bleibt jedoch bestehen.

Der volle Titel der Norm lautet: „Errichten von Niederspannungsanlagen – Teil 7-710: Anforderungen für Betriebsstätten, Räume und Anlagen besonderer Art – Medizinisch genutzte Bereiche“. Die VDE 0100-710:2012-10 gilt seit 01.10.2012 und ersetzt die VDE 0100-710:2002-11.

Oberste Schutzziele: Patientensicherheit und Ausfallsicherheit

Viele medizinische Anwendungen kommen nicht ohne elektrischen Strom aus. Zur Diagnose, Behandlung, Therapie oder Überwachung kommen Patienten und medizinisches Personal mit elektrischen Geräten, Maschinen und Anlagen in Berührung. Die Anforderungen an die Sicherheit sind hier besonders hoch und wurden in der früheren VDE 0107 von 1994 festgelegt. Diese Norm wurde 2002 durch die VDE 0100-710 „Errichten von Niederspannungsanlagen“ ersetzt. Hintergrund war damals die Umstellung auf die internationale Norm IEC 60364-7-710 zum Betrieb medizintechnischer Anlagen. Inzwischen wurde die DIN VDE 0100-710 erneut überarbeitet.

Neben der Elektrosicherheit für Patienten und Mitarbeiter kommt in medizinischen Einrichtungen dem Aspekt der Ausfallsicherheit eine große Bedeutung zu. Dies gilt in besonderer Weise für Intensivstationen und Intensivpflegestation, wo Patienten mit lebensbedrohlichen Verletzungen oder Krankheiten behandelt werden. Die Norm VDE 0100-710 legt daher auch die Anforderungen an das Sicherstellen einer kontinuierlichen Energieversorgung fest.

Breiter Anwendungsbereich über Gesundheitsbranche hinaus

Der Anwendungsbereich der Norm ist umfassend. Die Norm betrifft das Planen, Errichten, Prüfen und Betreiben von medizintechnischen elektrischen Geräten und Anlagen. Darunter fallen nicht nur die elektrischen Anlagen

  • in Kliniken und Krankenhäusern,
  • in medizinischen Versorgungszentren,
  • Kur- und Pflegeheimen,
  • in Ärztehäusern,
  • in Arzt- und Zahnarztpraxen,

sondern auch die elektrischen Anlagen

  • in medizinisch genutzten Bereichen von Arbeitsstätten (Erste-Hilfe-Räume, Räume der betriebsmedizinischen Versorgung) sowie
  • in medizinischen Forschungseinrichtungen.

Beachten Sie, dass die beiden zuletzt genannten Punkte bedeuten, dass der Anwendungsbereich der Norm sich keineswegs allein auf Unternehmen und Einrichtungen des Gesundheitswesens im eigentlichen Sinne beschränkt.

Die Risikogruppen bleiben

Schon nach der Vorgänger-Norm erfolgt die Einteilung der einzelnen Bereiche, z.B. eines Klinikums, grundsätzlich in drei unterschiedliche Gruppen (Gruppe 0, Gruppe 1, Gruppe 2):

Gruppe 0 betrifft Bereiche und Räume, in denen Patienten medizinisch betreut werden, ohne dass besondere Voraussetzungen an elektrische Anlagen und Einrichtungen und deren Betrieb gestellt werden müssen. Eine Lebensgefahr für Patienten infolge einer Störung oder Unterbrechung der Stromversorgung kann ausgeschlossen werden.

Gruppe 1 umfasst medizinisch genutzte Bereiche, in denen die Behandlung der Patienten höhere Anforderungen an die elektrische Anlage erfordert. Hier werden medizinische elektrische Geräte zwar am Patienten angewendet, bei einem Abschalten besteht jedoch keine Lebensgefahr. Eine Unterbrechung der Stromversorgung kann für den Patienten gefahrlos erfolgen. Je nach medizinischer Anwendung und der Lage vor Ort sollte jedoch ein Weiterfunktionieren über eine Sicherheitsstromversorgung sichergestellt sein.

Abb. 1: Medizinisch genutzte Bereiche der Gruppe 0 und 1 (Bildquelle: Unterweisungsfolien für die Elektrofachkraft)

Medizinisch genutzte Bereiche der Gruppe 0 und 1

Gruppe 2betrifft medizinisch genutzte Bereiche, in denen Patienten mit komplexen und zum Teil sehr sensiblen elektrischen Geräten behandelt und überwacht werden. Das können lebenswichtige Behandlungen sein oder medizintechnische Geräte, die bei Operationen eingesetzt werden. Eine ungeplante Unterbrechung der Stromversorgung bedeutet oft Lebensgefahr für den Patienten. Ein Weiterbetrieb binnen wenigen Sekunden muss im Falle einer Störung sicher gewährleistet sein.

Abb. 2: Medizinisch genutzte Bereiche der Gruppe 2 (Bildquelle: Unterweisungsfolien für die Elektrofachkraft)

Medizinisch genutzte Bereiche der Gruppe 2

Die Einteilung in eine dieser Gruppen ist Voraussetzung für

  • die Wahl und Anwendung von geeigneten Schutzmaßnahmen.
  • die Auswahl und Installation der elektrischen Betriebsmittel.

Das Einteilen und Zuordnen zu einer der Risikogruppen ist gemeinsam von den medizinischen Fachkräften (Ärzte) und den Verantwortlichen für Elektrosicherheit (Elektrofachkraft) und Arbeitssicherheit (Sicherheitsfachkraft) vorzunehmen.

Prüfungen nur nach Absprache!

Besonders hervorzuheben ist, dass bei Erst- und Wiederholungsprüfungen von elektrischen Geräten und Maschinen in medizinischen Bereichen immer die Belange von Patienten und Mitarbeitern zu berücksichtigen sind. Wiederholungsprüfungen sollten grundsätzlich nur in Absprache mit dem Fachpersonal der entsprechenden Abteilung durchgeführt werden. Die enge Zusammenarbeit und Abstimmung zwischen dem medizinischen und dem elektrotechnischen Fachpersonal ist unverzichtbar.

Das ordnungsgemäße Funktionieren der Sicherheits- bzw. Ersatzstromversorgung sollte monatlich geprüft werden. Dazu geht die VDE 0100-710 auf die diversen weiteren Prüfungen ein wie Auslösen der Fehlerstromschutzschalter oder der Funktionstest der Isolationsüberwachung des IT-Systems. Die Prüffristen liegen hier meist zwischen 6 und 36 Monaten. Weitere Änderungen gegenüber der Vorgängernorm betreffen die Anforderungen an Anzahl und Kennzeichnung von Steckdosen.

Patientenumgebung beachten

Abb. 3: Die für die Elektrosicherheit relevante Patientenumgebung in medizinisch genutzten Bereichen (Bildquelle: Unterweisungsfolien für die Elektrofachkraft)

Elektrosicherheit in medizinisch genutzten Bereichen - Patientenumgebung

Wie weit genau eine Patientenumgebung reicht, ist vom Hersteller oder Betreiber einer Anlage festzulegen (und zu verantworten). In der Regel geht man von einem Radius von 1,5 m um den Platz des Patienten (Intensivpflegeplatz, OP-Tisch usw.) herum aus. Für diese Patientenumgebung gelten besondere Schutzmaßnahmen. Schon jeder PC muss hier bestimmte Vorgaben in Sachen elektromagnetischer Verträglichkeit und elektrischer Sicherheit erfüllen. 

Autor: Dr. Friedhelm Kring

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