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Überspannungsschutz in Niederspannungsanlagen: Normen überarbeitet

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VDE 0100-443 Neu: Überspannungsschutz für alle Wohngebäude
VDE 0100-443 Neu: Überspannungsschutz für alle Wohngebäude (Bildquelle: AKIRA/amanaimagesRF/Thinkstock)

Normen müssen immer wieder an den technischen Fortschritt und an neue Erkenntnisse angepasst werden. Nur so können sie Herstellern, Betreibern und Anwendern dauerhaft Orientierung bieten. Das gilt auch für zwei für den Überspannungsschutz in Niederspannungsanlagen besonders wichtige Normen, die nun in aktualisierter Form vorgelegt wurden. Anfang Oktober sind die Neufassungen der VDE 0100-443 und der VDE 0100-534 in Kraft getreten.

VDE 0100-443: in Neufassung seit 1.10.2016

Errichten von Niederspannungsanlagen - Teil 4-44: Schutzmaßnahmen - Schutz bei Störspannungen und elektromagnetischen Störgrößen - Abschnitt 443: Schutz bei transienten Überspannungen infolge atmosphärischer Einflüsse oder von Schaltvorgängen (IEC 60364-4-44:2007/A1:2015, modifiziert)

Aufbau, Gliederung und Inhalt der VDE 0100-443 würden überarbeitet. Die Neuerungen betreffen die folgenden Punkte:

  • Die VDE 0100-443 berücksichtigt nun auch direkte Blitzeinschläge in eine Versorgungsleitung.
  • Überspannung-Schutzeinrichtungen (ÜSE) werden künftig mit SPD abgekürzt, dies steht als Abkürzung für "Surge Protective Device".
  • Bauliche Anlagen mit Explosionsrisiko werden nicht von der Norm erfasst.

Neu: Überspannungsschutz für alle Wohngebäude

Besonders wichtig ist die folgende Änderung: Die VDE 0100-443 definiert, ob Maßnahmen zum Überspannungsschutz notwendig sind. Ob in einer Niederspannungsanlage eine Überspannung-Schutzeinrichtung installiert werden muss, ist von bestimmten Kriterien abhängig. Diese Entscheidungskriterien für eine normkonforme Installation wurden überarbeitet und erweitert. Betroffen sind davon nun nicht nur Fälle,

  • in denen es um Menschenleben geht, etwa in der Medizin,
  • die öffentliche Einrichtungen betreffen wie etwa Telekommunikation,
  • industriell oder gewerblich genutzte Gebäude wie Industrieunternehmen, landwirtschaftliche Betriebe, Hotels usw.,

sondern auch Fälle, in denen auch kurzzeitige Überspannungen Auswirkungen haben können, z.B.

  • auf Ansammlungen von Personen, etwa in öffentlichen Gebäuden, Kirchen, Schulen usw.
  • auf Einzelpersonen, z.B. in Wohngebäuden und kleinen Büros, wenn in diesen Gebäuden Betriebsmittel der Überspannungskategorie I oder II installiert werden.

Da unter die im letzten Punkte genannte Definition auch Haushaltsgeräte, Elektrowerkzeuge oder empfindliche elektronische Geräte fallen, gilt im Grunde nun: In allen neu errichteten und zum Wohnen vorgesehenen Gebäuden müssen Überspannung-Schutzeinrichtungen installiert werden, um die Anforderungen der Norm zu erfüllen.

Neu: Auch Überspannungen durch Schaltvorgänge erfasst

Neu ist zudem, dass es in der VDE 0100-443 nicht mehr allein um Überspannungen geht, die von außen in ein Stromversorgungsnetz übertragen werden. Dies betrifft die sogenannten Überspannungen „infolge atmosphärischer Einflüsse“, womit im Wesentlichen Blitze gemeint sind. In der Neufassung werden auch die durch vorhandene Betriebsmittel selbst erzeugten Überspannungen erfasst. Solche eigenerzeugte Überspannungen können z.B. durch Schalten hoher Lastströme entstehen (Durchlauferhitzer o.Ä.) oder durch Schalten hoher induktiver, kapazitativer Lasten (Klimaanlagen o.Ä.). Solche Überspannungen als Folge von Schaltvorgängen liegen normalerweise jedoch wesentlich niedriger als Überspannungen infolge atmosphärischer Einflüsse.

Zeitgleich mit der VDE 0100-443 trat die VDE 0100-534 ebenfalls Anfang Oktober in Kraft.

VDE 0100-534: in Neufassung seit 1.10.2016

Errichten von Niederspannungsanlagen - Teil 5-53: Auswahl und Errichtung elektrischer Betriebsmittel - Trennen, Schalten und Steuern - Abschnitt 534: Überspannungs-Schutzeinrichtungen (SPDs) (IEC 60364-5-53:2001/A2:2015, modifiziert)

Während die VDE 0100-443 vorgibt, in welchen Fällen Überspannungs-Schutzeinrichtungen vorgeschrieben sind, regelt die VDE 0100-534 Details zu den zu installierenden Schutzeinrichtungen. Dabei geht es z.B. um die Art der Überspannungsableiter und deren Montage (Bemessungsstärke, Bemessungsspannung, Schutzpegel, Beschaltungsvarianten usw.) für verschiedene Anwendungsfälle. Die beiden Normen sind aufeinander abgestimmt. Auch hier ist z.B. nun von SPD für Überspannungs-Schutzeinrichtungen die Rede.

Fazit: Das Ziel, Überspannungen zu begrenzen und abzuleiten wird durch die neugefassten Normen auf weitere Gebäudetypen ausgeweitet. Seit dem 1.10.2016 ist ein normgerechter Überspannungsschutz Pflicht für alle Wohn- und Zweckbauten. In der Baubranche arbeitenden Elektrofachkräften und Elektrobetrieben dürfte die Arbeit nicht ausgehen.

Hinweis: Die genannten Informationen sind Webseiten des Beuth Verlags und der DEHN + SÖHNE GmbH + Co.KG entnommen.

Autor: Dr. Friedhelm Kring

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