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TTIP für die klassische Elektrotechnik

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Steckdose
Bildquelle: pashapixel/iStock/Thinkstock

Die Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft, kurz TTIP, soll dazu führen, dass Produkte ohne größere technische Änderungen sowohl in der EU als auch in den USA verkauft und betrieben werden dürfen.

Seit vielen Jahren versucht man in der EU, die Netzspannung auf 230 V~ und 50 Hz umzustellen – bereits geschehen in Deutschland um das Jahr 1991, noch 1987 betrug die Spannung nur 220 V~ , in vielen EU-Ländern waren auch damals noch Systeme mit 120 V vorhanden. Diese Art der Umstellung kann weitestgehend als erfolgreich abgeschlossen angesehen werden. Einzelne Insellösungen haben weiterhin abweichende Spannungen.

National Electrical Code (NEC)

In den USA werden normalerweise 120 V 60 Hz genutzt, allerdings ist auch 240 V leicht verfügbar, da zumeist ein Einphasen-Dreiliternetz verwendet wird. Zu beachten ist der National Electrical Code (NEC), eine Errichtungsvorschrift für elektrische Anlagen. Der NEC kann z.B. mit den in Deutschland üblichen Vorschriften der Normenreihe VDE 0100 verglichen werden. Er enthält jedoch andere Steckersysteme, Spannungen und besondere Anforderungen, z.B. zum Brandschutz bei Holzbauten, sodass er für europäische Unternehmen eher ungewohnt ist.

Zulassung elektrisch gesteuerter Geräte und Systeme

In den USA müssen alle elektrisch gesteuerten Geräte und Systeme zugelassen sein. Gesetzliche Grundlagen hierfür sind

  • der National Electrical Code (Artikel 90-7, 110-2 uns 110-3),
  • die Vorschriften des Bundesamts für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz („Occupational Safety and Health Administration“ - OSHA - 29 CFR1910.301; CFR: Code of Federal Regulations) und
  • die darauf basierenden Standards (zum Beispiel UL oder ANSI (American National Standards Institute)–Prüfstandards).
    Diese Standards entsprechen inhaltlich nicht den europäischen ISO- oder IEC-Normen, die sehr hohen Wert auf Berührungsschutz legen. In den USA wird zum Beispiel besonderer Wert auf Brandschutz- und Entflammbarkeitsanforderungen gelegt.

Produktlizenz

Die Zulassung zum amerikanischen Markt erfolgt durch die Ausstellung einer Produktlizenz (ein so genanntes „Listing/Labeling“, oft UL). Wenn keine Serienfertigung erfolgen soll, bietet sich die kostengünstigere Variante einer Einzelabnahme („Field Evaluation“) an. Die Prüfung und Zertifizierung der Produkte für den amerikanischen Markt dürfen nur von Prüf- und Zertifizierungsinstituten (Nationally Recognized Testing Laboratories – NRTL) vorgenommen werden, die von OSHA akkreditiert wurden.

In der EU hingegen genügt das Wort des Herstellers, entsprechende elektrotechnische Normen eingehalten zu haben. Wird dies nicht akzeptiert, können Behörden nachprüfen (und die Prüfkosten dem Unternehmen in Rechnung stellen) oder entsprechende Labore einschalten.

Endgültige Entscheidung über Inbetriebnahme liegt beim AHJ

Ein Listing wie UL kann dem US-Importeur bzw. dem Hersteller in Europa behördliche Abnahmerisiken ersparen. Allerdings liegt die endgültige Entscheidung über die Inbetriebnahme immer beim lokalen „AHJ“ (=Authority Having Jurisdiction - Kontrollstelle zur Einhaltung von lokalen Sicherheitsanforderungen) in den USA. Die AHJ wird von den Bezirken eingesetzt. Meist handelt es sich nicht um einen Fachmann für elektrotechnische Sicherheit, sondern um einen Brandschutzexperten o.ä.

Landeseinheitliche Zulassungsbestimmungen gibt es in den USA nicht. Die AHJ muss nicht obligatorisch eine Maschine für die Inbetriebnahme freigeben, die von einem von der OSHA autorisierten Prüfinstitut getestet wurde. Mehr dazu z.B. bei der GTAI, der Germany Trade & Invest, Hauptsitz Berlin, Friedrichstraße 60, in 10117 Berlin.

Beispiel Netzstecker

Dieser Stecker könnte unseren Schutzkontaktstecker mittelfristig ablösen und ist jetzt schon in der Schweiz (und angeblich in Brasilien) zu finden:

Netzstecker

Eine Zwangsumsetzung in allen EU-Ländern wurde wegen des hohen Aufwands bislang nich umgesetzt. Interessant wird es, wenn die USA die dort verbreiteten 110-V-Systeme (mit 60 Hz) gegen unser 230-V-50-Hz-System ersetzen sollen. Oder anders gesagt: TTIP wird dies nicht leisten können!

Problemfall EN 60204

Die im Geräte- und Maschinenbau gerne genutzte Norm EN 60204 schreibt bestimmte Leiterfarben vor. Diese Vorgabe hat sich innerhalb der EU sehr bewährt. Die USA haben andere Leiterfarben, sodass eine Elektrofachkraft (EFK) sich zunächst einmal an andere Leiterfarben, andere Klemmen etc. gewöhnen muss. Beide Systeme dürfen nicht vermischt werden. In der Praxis bedeutet dies, dass die komplette elektrische Ausrüstung einer amerikanischen Maschine herausgenommen werden muss und eine neue europäische Verkabelung eingebaut wird – ein teures und aufwändiges Verfahren. Es ist aber anzunehmen, dass sich das europäische System durchsetzt, da es sicherer, energieeffizienter und verbreiteter (Dank China!) ist.

Autor: Dipl.-Ing. Jo Horstkotte

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Kommentare

Kommentar von Jo Horstkotte |

Es ging mir als Autor nicht darum, Werbung für oder gegen TTIP zu machen; falls dieser Eindruck enstanden ist, bitte ich um Entschuldigung. Mir ging es, wie die Leser es völlig richtig erkannt haben, darum, die Probleme darzustellen und zu zeigen, dass auf absehbare Zeit eine Beseitigung dieses "Handelshemmnisses" nicht möglich ist, denn unsere Norm und vermutlich ebenso die amerikanische Auslegung sind stark verfestigt im Sinne von "jeder Praktiker macht das so". Eine "einfache" Normänderung erscheint mir nicht möglich.
Positiv an der Diskussion finde ich, dass endlich wieder der Wert der Normen erkannt wird!

Kommentar von Sebastian Holzner |

Finde es äusserst unpassend und bedenklich, daß hier Werbung für TTIP gemacht wird. Politik hat hier nichts zu suchen. Schon mal genauer mit TTIP befasst? => Aushebelung der Legislative durch Schiedsgerichte, besetzt mit Wirtschafts-Lobbyisten! Unabhängig welcher Überzeugung man ist: TTIP Dokumente sind nicht frei zugänglich - für Niemand! Nicht für Bürger, nicht für Politiker und sonstige Volksvertreter und Volksverdreher. Nur für die Vertragsersteller USA. Nein Danke!

Kommentar von Peter Fischer |

Ich würde zukünftig die Anwendung des NEC befürworten, denn mit einem "Dreiliternetz" sind uns die Amis ja wieder mal Lichtjahre voraus ;-)

Kommentar von Paul |

Wie soll das denn möglich sein, dass die in TTIP propagierte Lösung in beide Märkte verkauft und eingesetzt werden darf, wenn man zumindest eine Norm nicht befolgt, da die IEC und UL-Welt nun mal unterschiedliche Schutzziele verfolgen?

Kommentar von Herr Schmeichler |

Irgendwie habe ich die Interpretation nicht verstanden:
Z.B. entwerder ich folge dem Farbcode aus der EN60204 oder denen der NEC. Beides geht nicht. Folglich kann ich nicht normgerecht in beide Märkte liefern.

Dazu gibt es noch viele weitere Beispiele (z.B. Kurzschlussschutz nach IEC-Standard darf in Nordamerika so nicht eingesetzt werden).
Wer ändert denn jetzt seine Normen? Oder darf jeder es machen wie er möchte, Hauptsache man befolgt irgendwelche Regeln???

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