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Persönliche Schutzausrüstung bei Arbeiten unter Spannung

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Elektrofachkräfte müssen sich nicht nur vor Strom und Spannung schützen, oft kommen weitere Anforderungen dazu
Lebensretter der Elektrofachkraft: die persönliche Schutzausrüstung (Bildquelle: kadmy/iStock/Thinkstock)

Wie in vielen andere Branchen und Berufsgruppen ist auch für Elektrofachkräfte das Verwenden von persönlicher Schutzausrüstung (PSA) unverzichtbar. Die gute Nachricht ist: Neue Materialien und Modelle bieten neben einem hohen Maß an Elektrosicherheit auch einen angenehmen Tragekomfort. Verantwortliche Elektrofachkräfte sollten jedoch um das Phänomen der Risikokompensation wissen.

Zu den spezifischen Gefährdungen bei der Arbeit als Elektrofachkraft gehören neben dem elektrischen Schlag das Auftreten von Störlichtbögen. Sie sind zwar selten, aber enorm gefährlich. Störlichtbögen treten ohne Vorwarnung auf. Dabei können Temperaturen von einigen Tausend Grad Celsius entstehen. Dazu kommen explosionsartige Druckwellen. Schwere Verbrennungen und andere Verletzungen bis zum Tod können die Folge sein.

Ein 100 %-iger Schutz durch das vollständige Abschalten aller Anlagen während Instandhaltungsarbeiten ist nicht immer möglich. Daher kommt der geeigneten Schutzkleidung eine besondere Rolle unter den Präventionsmaßnahmen zu. Überall, wo Beschäftigte der Gefahr von Lichtbögen und Stichflammen durch Lichtbogenüberschlag ausgesetzt sind, ist flamm- und hitzebeständige Kleidung überlebenswichtig.

Dazu kommen an vielen Elektroarbeitsplätzen weitere Gefährdungen, die zusätzliche Anforderungen an die persönliche Schutzausrüstung stellen. Das kann der Schutz vor gefährlichen Chemikalien sein, Lärmschutz, Absturzsicherung oder Explosionsschutz.

PSA wird leichter und angenehmer zu tragen

PSA wird immer leichter und wirkt sportlicher. Helme oder Handschuhe, Jacken oder Brillen sehen immer attraktiver aus und sind angenehmer zu tragen.

Gerade die Trageakzeptanz von PSA ist ein wesentlicher Faktor für die Sicherheit. Denn Unfälle entstehen oft dadurch, dass PSA nicht getragen wird, obwohl sie vorhanden ist. Trageakzeptanz ist eine Gratwanderung zwischen der erforderlichen Schutzfunktion und der zusätzlichen Belastung für den Träger. Denn zusätzliches Gewicht, eingeschränkte Beweglichkeit und verminderter Tast-, Seh- oder Hörsinn belasten den Träger und erschweren das Arbeiten.

Doch Unbequemlichkeit als Ausrede gilt nicht mehr. Z.B. sind die klobigen und schweren Sicherheitsschuhe von früher einem trendy Outfit für den Fuß gewichen, mit dem man auch in der Freizeit eine gute Figur machen würde. Es gibt endgültig keine „Entschuldigung“ mehr, notwendige Schutzausrüstungen nicht zu tragen.

Unverzichtbar: Körperschutz für Arbeiten unter Spannung

Im Elektrobereich wird neben der persönlichen Schutzausrüstung oft der Begriff „Körperschutzmittel“ verwendet. Wichtige Vorgaben finden sich in den VDE-Bestimmungen für Körperschutzmittel, Schutzvorrichtungen und Geräte zum Arbeiten an unter Spannung stehenden Teilen bis 1.000 V (DIN VDE 0680 und VDE 0682). Für die Auswahl und die Anwendung der isolierenden Körperschutzmittel und Schutzvorrichtungen bei Arbeiten an unter Spannung stehenden Teilen oder in deren Nähe gilt DIN VDE 0105-100 "Betrieb von elektrischen Anlagen".

Abb 1: Unterteilung der VDE-Bestimmung 0680 und der zugehörigen Teile von VDE 0682 (Bildquelle: Die Elektrofachkraft in der betrieblichen Praxis)

Klicken Sie auf die Abbildung, um sie zu vergrößern.

Unterteilung der VDE-Bestimmung 0680

Ob Stromversorgung oder bei der Bahn, Reparaturarbeiten oder Prüfungen, für Elektrofachkräfte spielen die folgenden PSA-Elemente die wichtigste Rolle.

Isolierende Schutzkleidung

Jacke, Hose, Kopfbedeckung, Handschuhe und Stiefel oder Überschuhe nach VDE 0682-301. Diese verhindern einen Stromübertritt von unter Spannung stehenden Teilen auf den menschlichen Körper und schützen vor gefährlichen Störlichtbögen.

Ganz wichtig: Es sollten immer alle Körperstellen bedeckt sein und bleiben. Kopf, Hände und Unterarme sind am häufigsten von Verbrennungen durch Störlichtbögen betroffen. Kurze Hosen sind selbstverständlich tabu, auch ein Hochkrempeln der Hosenbeine im Sommer. Hemden und Arbeitsjacken für Elektrofachkräfte sollten langärmelig sein.

Diese Spezialkleidung bietet oft einen mehrfachen Schutz. Hochwertige Elektrikerhandschuhe z.B. können für Arbeiten in Spannungsbereichen bis 1.000 V geeignet sein, gleichzeitig beständig gegen Öl oder Säuren und auch noch vor Kälte schützen. Dennoch sind sie flexibel und schränken das Tastempfinden nicht allzu sehr ein. In Elektrowerkstätten und bei Reparaturarbeiten im Spannungsbereich sind sie unverzichtbar.

Neue Materialien für Jacken und Hosen aus organischen Kunstfasern (Aramid-Fasern) bieten nicht nur Flammschutz, sondern auch Beständigkeit gegen Chemikalien. Sollte ein Lichtbogen auftreten, absorbiert das Material die freigesetzte Strahlungs- und Hitzeenergie. Schlimme Verbrennungen und Verletzungen werden verhindert.

Isolierende Schutzhelme

Isolierende Schutzhelme mit Störlichtbogen-Visier werden als Kopf- und Gesichtsschutz getragen. Sie sind vorgesehen bei Arbeiten unter Spannung oder in der Nähe von unter Spannung stehenden Teilen bis 1.000 V Wechselstrom oder 1.500 V Gleichstrom. Neuere Modelle bieten mit umlaufendem Schweißband, Kinnschutz und Anti-Beschlag-Beschichtung einen hohen Tragekomfort.

Elektriker-Schutzstiefel

Elektriker-Schutzstiefel sind mit Stahlkappe versehen, gleichzeitig öl-, benzin-, fett-, lauge- und säurebeständig nach VDE 0680.

Das Ziel aller neuen Entwicklungen ist, dass die Schutzkleidung den Träger so wenig wie möglich behindert. Arbeitsabläufe und Bewegungen sollen möglichst wenig eingeschränkt werden bei gleichzeitig hochgradigen Schutzfunktionen.

Zusätzlich zur persönlichen Schutzausrüstung, die am Körper getragen wird, kann weitere Textil-Ausrüstung nötig sein. Isoliermatten bieten neben dem Personenschutz durch die Standortisolierung auch Schutz vor elektrostatischer Aufladung. Sie werden z.B. in Hochspannungs-Schalträumen verwendet. Dazu kommen je nach Einsatzbereich weitere Schutzelemente wie Abdeckungen, Sperrkappen, Schutzhauben usw.

So muss PSA für Elektrofachkräfte gekennzeichnet sein

Notwendige Eigenschaften von Schutzkleidung sind in der DIN EN 340 festgelegt. Dabei geht es nicht nur um Anforderungen an die Ergonomie und das Alterungsverhalten, sondern auch um Kennzeichnung und Herstellerangaben. Isolierende Schutzausrüstung muss folgendermaßen gekennzeichnet sein:

  • Herkunftszeichen (Name oder Markenzeichen) des Herstellers
  • Jahr der Herstellung
  • VDE-Prüfzeichen
  • CE-Kennzeichen
  • bei Schutzanzügen: Kennzeichnungsfeld für wiederkehrende Prüfungen:
    • bei Jacken: am unteren Saum, innen
    • bei Hosen: im Bund
    • beim Kopfschutz: am unteren Rand, hinten

Selbstverständlich finden Sie an Schutzkleidung auch die Größenangabe sowie Angaben zu Waschen und Textilpflege.

Vorsicht: PSA darf nicht leichtsinnig machen!

Der Mensch hat ein ambivalentes Verhältnis zur Sicherheit. Wir neigen dazu, uns freiwillig und gern einem gewissen Risikograd auszusetzen. Menschen suchen die Gefahr, sie stürzen sich freiwillig Skisprungschanzen hinunter oder an Bungee-Seilen von hohen Brücken. Wir verlassen uns dabei auf Sicherheitsmaßnahmen und Schutzausrüstungen, ohne die solche Wagnisse Selbstmord wären.

Diese „Lust auf Risiko“ muss am Arbeitsplatz tabu sein. Wer sich als Elektrofachkraft oder Elektrofachkraft für festgelegte Tätigkeiten nicht ausreichend schützt, spielt mit seiner Gesundheit und seinem Leben.

Dazu kommt die sogenannte Risikokompensation. Verkehrs- und Arbeitspsychologen sprechen vorn den „Rebound-Effekten“ (engl. rebound = zurückprallen). Gemeint ist das paradox klingende Phänomen, dass Maßnahmen für mehr Sicherheit das Gegenteil von dem bewirken können, was sie erreichen wollen. Einige Beispiele:

  • Fahrer von schweren Geländewagen schnallen sich weniger an.
  • Autofahrer sitzen länger am Steuer, wenn ein Müdigkeitssensor aktiv ist.
  • Bei Radfahrern, die einen Helm tragen, halten Autofahrer tendenziell weniger Abstand.
  • Nachdem in den USA für starke Medikamente ein kindersicherer Verschluss vorgeschrieben worden war, stieg die Zahl der Medikamentenvergiftungen bei Kindern in den folgenden Jahren an! Offenbar ließen Eltern die vermeintliche sichereren Packungen eher herumliegen, die früher konsequenter weggesperrt worden waren.
  • Als die ersten ABS-Systeme aufkamen, wollte man den Nutzen durch Versuche nachweisen. Dazu erhielt jedes vierte Münchner Taxi ABS. Die Auswertung nach drei Jahren verblüffte: Die Unfallzahlen waren bei den ABS-Taxen fast doppelt so hoch! Offenbar neigen selbst geübte Fahrer dazu, „im sicheren ABS-Gefühl“ deutlich riskanter unterwegs zu sein.

Verantwortliche Elektrofachkräfte mit Führungsaufgaben sollten um diese Aspekte wissen. Es ist immer darauf zu achten, dass das Befolgen von festgelegten Schutzmaßnahmen nicht zu einem sorgloseren Umgang mit der Gefahr führt.

Machen Sie sich (und Ihren Mitarbeitern in Sicherheitsunterweisungen) bewusst, was nur auf den ersten Blick banal klingt: Das Anlegen des Sicherheitsgurts im Auto vermindert nicht die Unfallwahrscheinlichkeit auf der Autobahn. Es kann im Gegenteil zu riskanterem Fahren verleiten. Genauso macht das Tragen von PSA das Eintreten eines Lichtbogens oder eines anderen Unfalls nicht unwahrscheinlicher. Die Verwendung von Schutzausrüstung ist richtig und notwendig, doch sie darf niemals dazu verleiten, in Sachen Elektrosicherheit sorgloser zu agieren.

Autor: Dr. Friedhelm Kring

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