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Normenwissen in der Praxis

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Erschreckende Wissenslücken

"Wie werden neue Normen in der Praxis umgesetzt?" - Eine einfache Frage, die ein Student namhaften Herstellern von Prüfgeräten stellte. Zum Teil mit erschreckenden Ergebnissen, denn mit Fragen aus dem Alltag eines Prüfers haben viele Mitarbeiter von Prüfgeräteherstellern Schwierigkeiten.

Es ist eine einfache Frage, die sich der Student für eine Semesterarbeit gestellt hat: Wie werden neue Normen in der Praxis umgesetzt. Dazu rief er namhafte Hersteller von Prüfgeräten an. Zuvor hat er sich von Elektrotechnikingenieuren mit Fachwissen ausstatten lassen. Naturgemäß reicht sein Fachwissen nicht weit, etwa so weit wie das eines gewissenhaften Einkäufers.

Ein Fall aus der Praxis

An dieser Stelle wird aus einer akademischen Übung ein Fall aus der Praxis. Denn das entspricht einem alltäglichen Vorgang: Ein elektrotechnischer Laie wie ein Einkäufer will ein Gerät kaufen.

Abb. 1: Das Sicherheitsprüfgerät Benning 700 der gleichnamigen Firma

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Updates angekündigt

Der Student fragte zuerst nach der neuen DIN VDE 0701-0702:2008-06 und zwar, ob die Hersteller schon neue Geräte auf dem Markt hätten, die dieser Norm entsprächen.
Dazu als Hintergrund: Die Übergangsregelung und damit die Anwendbarkeit der alten DIN VDE 0701 und VDE 0702 lief im Juni 2009 aus.

Der Mitarbeiter eines Herstellers wollte dem Studenten glauben machen, dass es eine dreijährige Übergangfrist gibt, was falsch ist. Einmal wurde der angehende Jurist noch gefragt, zu welcher der beiden Normen er Auskünfte wünsche.

Manche Hersteller boten Updates an, andere kündigten an, dass die Geräte in der Übergangszeit „umentwickelt“ werden oder dass bis zum Jahresende die Umstellung fertig sei.

Frage nach Messverfahren

Die nächste Frage des Studenten betraf das Prüfen selbst. Nämlich: Welche Verfahren werden bei den Messungen des Berührungsstroms und Schutzleiterstroms verwendet?

Nach gängiger Meinung ist für die Messung des Schutzleiters das Differenzmessverfahren am besten geeignet.
Der Berührungsstrom sollte im direkten Messverfahren ermittelt werden. Eine Messung mithilfe des Ersatzableitstroms darf nur noch unter Verantwortung einer Elektrofachkraft angewendet werden, da in der bisherigen Praxis oftmals Geräte mit netzspannungsabhängigen Schalterelementen falsch bewertet wurden.

Abb. 2: Der C.A 6107 von Chauvin-Arnoux bekommt ein Update

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Die Mehrheit der Support-Mitarbeiter empfahl das Differenzmessverfahren für den Schutzleiter und das direkte Messverfahren für den Berührungsstrom. Hatten diese die ersten Fragen meist souverän gemeistert, waren die Antworten bei der dritten – vorsichtig formuliert – sehr abweichend.

Die Frage lautete: "Lassen sich mit dem Messgerät Geräte der Schutzklasse I ohne Schutzleiterkontakt am Gehäuse prüfen?"

Der Student erklärte seinen Gesprächspartnern dazu, dass ihm Messgeräte bekannt seien, bei denen Geräte der Schutzklasse I, genauer deren berührbare, leitfähige Bauelemente, zwingend mit einer Messspitze zu überprüfen seien und der Prüfer nur zum nächsten Testschritt gelangen könne, wenn bei dieser Überprüfung ein Schutzleiterwiderstand ermittelt würde, der innerhalb der Norm läge.

Wie jedoch solle dies geschehen, wenn ein Gerät der Schutzklasse I, wie eine Kaffeemaschine, komplett in ein Kunststoffgehäuse eingefasst sei?

Beispiel: Prüfen einer Kaffeemaschine

Die korrekte Vorgehensweise wäre in diesem Fall, den Testschritt zu übergehen und die Begründung im Prüfprotokoll zu vermerken. Eine Messung nach Schutzklasse II ist nicht zulässig, da bei dieser Messung der Schutzleiterstrom nicht gemessen würde.

Abb. 3: Eurotest I vom Ingenieurbüro H.J.Suck

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So ähnlich war auch etwa die Anleitung verschiedener Firmenmitarbeiter. Andere versicherten dem Studenten, dass Kaffeemaschinen an der Unterseite tief versenkte Schrauben hätten, die mit dem Schutzleiter verbunden seien. Dort könne gemessen werden. Andere empfahlen eine Messung an der Wärmeplatte oder „in den Ritzen“.

Abb. 4: HT-Instruments bietet dieses Messgerät für Wiederholungsprüfungen an

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Im Fall der Kaffeemaschine und bei vielen anderen Geräten dieser Produktklasse ist es entgegen diesen Behauptungen oft nicht möglich den Schutzleiterwiderstand an den Gehäuseschrauben zu messen, da diese in Kunststoff fassen und nicht mit dem Schutzleiter verbunden sind. Aber nicht nur mit Kaffeemaschinen hatte sich der Student beschäftigt, er hatte sich auch eine Frage zum Fehlerstromschutzschalter (RCD) aufschreiben lassen: Wie wird gemessen, wenn der Prüfling einen RCD integriert hat? Ein RCD stellt einen Zusatzschutz sicher und muss somit als Fehlerschutzeinrichtung messtechnisch auf seine Funktionalität überprüft werden. Die Überprüfung mit einem separaten Messgerät mag als Behelf funktionieren. Vorgesehen ist jedoch ein einheitliches Protokoll für alle Messschritte.

Wissenslücken bei RCD

Einigen Technikern war unbekannt, dass es überhaupt von der VDE 0701-0702 erfasste Geräte mit eingebautem RCD gibt. Selbst dort, wo Geräte mit Zusatzschutz bekannt waren, machte man sich oft keine Gedanken darüber, dass eine solche Fehlerschutzeinrichtung in Bezug auf die Auslösezeit und den Auslösestrom auch messtechnisch zu überprüfen ist. Ein „guter Tipp“ war, das Gehäuse der Kaffeemaschine zu öffnen, um, wenn nötig, den eingebauten RCD zu überbrücken und dadurch eine saubere Messung zu ermöglichen – entgegen der VDE 0701-0702.

Abb. 5: Der TV460 von Testboy sieht auf den ersten Blick nicht aus wie ein Messgerät zur Wiederholungsprüfung

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Prüfung des Schutzleiterwiderstands bei Geräten mit einem Bemessungsstrom von mehr als 16 A

Die letzte Frage betraf den Schutzleiterwiderstand bei Geräten mit einem Bemessungsstrom von mehr als 16 A. Wie wird er geprüft? Bei Geräten und Leitungen mit einem Bemessungsstrom von mehr als 16 A richtet sich der Höchstwert für den Schutzleiterwiderstand nicht mehr nur nach der Länge, sondern auch nach dem Querschnitt und den Übergangswiderständen an den Schutzkontakten.

Leitungen mit einem Bemessungsstrom von mehr als 16 A scheinen viele Hersteller auszuklammern. Diese seien mit der aktuellen Messhardware nicht zu prüfen, hieß es zum Teil. Bei den Geräten, wo dies doch möglich ist, muss der Prüfer selbst entscheiden, ob der gemessene Widerstand in Ordnung ist.

Fazit

Kaum ein Hersteller konnte alle Fragen zur VDE 0701-0702 korrekt beantworten. Einige lagen sogar bei fast jeder Antwort falsch. Wie soll man aber von Elektrofachkräften oder unterwiesenen Personen verlangen, eine korrekte Messung durchzuführen, wenn zum Teil die Hersteller nicht in der Lage sind, eine saubere normenkonforme Messung mit den eigenen Messgeräten zu beschreiben?

Autor: Peter Oberstein

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