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Elektrounfall: eine Unfallanalyse ist unverzichtbar

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Ein Stromunfall kann viele Ursachen haben - machen Sie sich auf die Suche
Ein Stromunfall kann viele Ursachen haben - machen Sie sich auf die Suche (Bildquelle: sodapix sodapix/Thinkstock)

Der Volksmund sagt, aus Schaden werde man klug. Doch werden wir das wirklich? In vielen Unfallstatistiken findet man Jahr für Jahr die gleichen Häufungen und Unfallschwerpunkte. Das Lernen aus Unfallfolgen scheint nicht so einfach zu sein und schon gar nicht automatisch zu erfolgen. Das liegt auch daran, dass die betriebsinterne Suche nach der Ursache eines Arbeitsunfalls oder anderen Vorfalls manchmal zu vordergründig und oberflächlich bleibt. Erst eine tiefergehende Unfallanalyse, die ggf. Konsequenzen zieht, verbessert das Sicherheitsniveau nachhaltig.

Nach einem Elektrounfall mit einer oder mehreren verletzten Personen und/oder Sachschaden, stellt sich die Frage, wer die Verantwortung trägt und ggf. für Schäden haftet. Das betrifft arbeitsrechtliche, versicherungsrechtliche und ggf. strafrechtliche Aspekte, welche – je nach Schwere und Folgen des Unfalls – die Unfallversicherungsträger, die Aufsichtsbehörden, Polizei und Staatsanwalt beschäftigen.

Bei vielen „kleineren“ Unfällen erfolgt die Analyse jedoch – wenn überhaupt – innerhalb des Betriebs selbst. Nach Unfällen im Zusammenhang mit dem elektrischen Strom sollten diejenigen, die im Betrieb für Arbeitsschutz und Elektrosicherheit zuständig sind, gemeinsam den Unfallhergang und seine Randbedingungen untersuchen. Das betrifft gemeinhin die Fachkraft für Arbeitssicherheit oder den externen sicherheitstechnischen Dienstleister sowie die Elektrofachkraft.

Grundsätze einer umfassenden Unfallanalyse

  • Es geht nicht nur um Arbeitsunfälle, also Ereignisse, in denen ein Mitarbeiter tatsächlich körperlich verletzt wurde. Eine Analyse ist auch angebracht bei allen Beinahe-Unfällen, sicherheitsrelevanten Störungen, Schadensereignissen und allen Fällen, in denen nur der Zufall oder glückliche Umstände schlimmere Folgen verhindert haben.
  • Bei der Ursachensuche sind stets alle drei Bereiche Technik/Arbeitsmittel, Arbeitsorganisation und menschliches Verhalten zu betrachten. Denn Gefährdungen entstehen oft erst oder werden verschärft durch ein Zusammenwirken mehrerer Faktoren.
  • Es geht nicht nur um die offensichtlichen Ursachen eines Unfalls. Diese können in einem Missachten von Sicherheitsvorschriften liegen oder im Versagen eines Bauteils. Doch das ist erst die halbe Wahrheit. Denn die eigentliche Unfallursache liegt oft tiefer (s.u.).
  • Es geht darum, Unfälle nicht als schicksalgegeben hinzunehmen und nach Feststellen einer vordergründigen Kausalität zu den Akten zu legen, sondern systematisch zu analysieren, um Schwachstellen in den Sicherheitsbestrebungen des Betriebs zu finden.
  • Ziel ist stets, aus einem Unfall zu lernen, um Wiederholungen zu vermeiden. Das kann bedeuten, bestehende technische Schutzmaßnahmen zu überprüfen und zu verbessern. Das kann aber auch dazu führen, Ausbildung, Unterweisungen, Arbeitsmethoden oder betriebliche Abläufe usw. zu optimieren und weiterzuentwickeln.

Ein Stromunfall kann viele Ursachen haben

Abb. 1: Gehen Sie den Ursachen mit einer Unfallanalyse systematisch auf den Grund. (Bildquelle: KatarzynaBialasiewicz/iStock/Thinkstock)

Gehen Sie der Unfallursache auf den Grund

In der sogenannten ganzheitlichen Unfallanalyse („Root-Cause Analysis) setzen Sie tiefer an, als sich mit menschlichem Versagen zufriedenzugeben. Hier wären dann weitere Fragen zu stellen, z.B.

  • Warum wurde eine Vorschrift oder Regel missachtet?
  • War der Mitarbeiter zu der Tätigkeit befugt?
  • War der Mitarbeiter unterwiesen, war ihm die Gefährdung bei Missachtung einer Vorgabe bewusst?
  • Stand der Mitarbeiter unter einer besonderen Anspannung, Stress, Zeitdruck, Übermüdung o. Ä.?
  • Trug der Mitarbeiter die vorgeschriebene Schutzausrüstung?
  • Gab es äußere Störfaktoren (Lärm, Witterung usw.), die eine Rolle bei dem Verhaltensfehler gespielt haben könnten?

Bei einem technischen Versagen eines Bauteils könnte die tiefere Ursachensuche Fragen stellen wie

  • Wann und von wem wurde das Bauteil (das Gerät, die Elektroinstallation usw.) zuletzt geprüft?
  • Nach welcher Methode, mit welchem Messgerät usw. erfolgte die Prüfung?
  • Ist es die erste Störung bei diesem Bauteil oder gab es im Betrieb bereits andere Vorkommnisse?
  • Was sagt der Hersteller zu dem technischen Versagen? Sind ihm weitere Fälle von einem ähnlichen Versagen des gleichen Bauteils bekannt?
  • Hätte das Versagen mit einem anderen Prüfverfahren beim Hersteller oder beim Betreiber frühzeitig erkannt werden können?

Dazu kommt: Bei Elektrounfällen ist es nicht nur der Stromschlag selbst, der für den Betroffenen fatale Folgen haben kann. Durch den Schreck oder das Zusammenzucken kann ein Werkzeug aus der Hand fallen oder das Unfallopfer von einer Leiter stürzen. Auch hier ist genau hinzuschauen und Konsequenzen sind zu ziehen. Stellt sich z.B. heraus, dass bei bestimmten elektrotechnischen Installationstätigkeiten Leiterunfälle gehäuft auftreten, könnte der Einsatz einer fahrbaren kippsicheren Podestleiter statt einer Anlegeleiter die Sicherheit deutlich erhöhen.

Beugen Sie Akzeptanzproblemen bei Beinahe-Unfällen vor

Ein „richtiger“ Unfall ist kaum zu verheimlichen. Er muss im Verbandbuch eingetragen werden, der Arbeitgeber und die Fachkraft für Arbeitssicherheit werden informiert, bei mehr als drei Tagen Arbeitsunfähigkeit erfolgt eine Meldung an die Berufsgenossenschaft usw. Doch tagtäglich kommt es in deutschen Betrieben auch zu sogenannten Beinahe-Unfällen, die in keiner Statistik auftauchen und daher oft keine Konsequenzen haben. Dabei könnte man genau aus diesen Beinahe-Unfällen viel lernen, wenn man sie als Warnung versteht und den Ursachen genauso konsequent nachgeht wie einem tatsächlichen Arbeitsunfall.

Die Bereitschaft, einen Beinahe-Unfall zu melden, ist jedoch bei vielen Mitarbeitern gering. Zumal, wenn es sich um einen eigenen Verhaltensfehler handelt und derjenige mit einer Rüge oder gar Spott rechnen muss, wird er sich hüten, Kollegen oder dem Chef von einer heiklen Situation zu erzählen. Dies ist verständlich, im Sinne der Aufrechterhaltung und Weiterentwicklung eines hohen Sicherheitsniveaus jedoch kontraproduktiv.

Ermutigen Sie Ihre Mitarbeiter, auch Beinahe-Unfälle, vermeintlich folgenlose Stromschläge und ähnliche Vorkommnisse zu melden. Kein Angehöriger eines Elektroberufs sollte kritisiert oder herabgewürdigt werden, wenn er z.B. einen „Wischer“ offen dem Vorgesetzten meldet. Im Gegenteil, Ehrlichkeit und Verantwortungsbewusstsein gehört gelobt. Denn was diesmal gut ausging, könnte beim nächsten Mal oder unter anderen Umständen für einen Kollegen tödlich enden.

Autor: Dr. Friedhelm Kring

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