3,5/5 Sterne (4 Stimmen)
Einsatz von Ja-Nein-Prüfgeräten bei der Erstprüfung 3.5 5 4

Einsatz von Ja-Nein-Prüfgeräten bei der Erstprüfung

(Kommentare: 1)

Auswahl der Prüfgeräte ist oft schwierig. (Bild: Pixelio) - Bild
Auswahl der Prüfgeräte ist oft schwierig. (Bild: Pixelio)

Bei Errichtung und Prüfung einer Niederspannungsanlage in einem größeren Industriebetrieb gab es Unstimmigkeiten und ernste Diskussionen über die anzuwendenden Prüfgeräte und die Aussagekraft der Prüf- und Messergebnisse.

Kurz gefasst ging es um die Fragen:

  1. Haben die Prüfungen/Messungen, die mit Ja-Nein-Geräten/-Prüfgeräten durchgeführt und von diesen mit „Ja“ abgeschlossen wurden die gleiche Aussagekraft wie die Prüfung mit einem den Messwert anzeigenden Prüfgerät? Letzteres liefert ja mit dem genauen Messwert außerdem noch die Begründung für das „Ja“ oder „Nein“.
  2. Darf eine Prüfung/Messung nach DIN VDE 0100-610 mit „bestanden“ gewertet werden, wenn das Einhalten eines vorgeschriebenen Grenzwerts, z.B. der Schleifenimpedanz, allein mit einem Ja-Nein-Prüfgerät nachgewiesen wurde?
  3. Darf der Auftraggeber die Art der zu verwendenden Prüfgeräte/Prüfmethoden vorschreiben und verlangen, dass die kostengünstigere Messmethode zu wählen ist?

Prüfen auf Knopfdruck - reicht das?

Die Auseinandersetzungen um die Ja-Nein-Prüfgeräte sind fast schon zum Glaubenskrieg geworden. Vielfach geht es nicht um das eigentliche technische Anliegen, sondern in erster Linie um das Einsparen von Prüfkosten und die Berechtigung, weniger erfahrene Fachkräfte mit dem unkomplizierten „Prüfen durch auf den Knopf drücken“ einsetzen zu können. Zum Glück haben Sie mir nicht gesagt, welche Meinung Sie vertreten, da ist es für mich einfacher mit dem Argumentieren.

Zunächst ist festzustellen, dass nur bei einigen der nach DIN VDE 0100-610 durchzuführenden Prüfungen/Messungen ein exaktes Ergebnis mit Ja-Nein-Prüfgeräten erbracht werden kann. Lediglich dann, wenn es um eine ganz konkrete „Entweder so oder so“-Entscheidung geht, ist Ihre Aussage als Bestätigung für das Einhalten einer Normenvorgabe, einer Sicherheitsfunktion oder eines ähnlichen Kennwerts vertretbar. Solche Vorgaben bzw. Entscheidungen wären das Feststellen

  • des Drehfelds (rechts oder links) oder
  • der Spannungspolarität (plus oder minus).

Hinzu kommt, dass es für einige Messungen, z.B. den Erdungswiderstand, gar keinen oder – für die Berührungsspannung – nur einen, bei der Prüfung praktisch nicht verwertbaren Grenzwert gibt.

Grenzen von Ja-Nein-Prüfgeräten

Das heißt als Erstes: Allein mit den Ja-Nein-Prüfgeräten kann eine Prüfung nach DIN VDE 0100-610 nicht komplett durchgeführt werden.
Dann ist vor dem Hintergrund der vom Prüfer zu bestätigenden Sicherheit zu fragen:

  • Welches konkrete Ziel geben die Normen DIN VDE 0100-610 oder DIN VDE 0105-100 dem Errichter/Prüfer vor? Was soll mit der geforderten Prüfung erreicht werden?
  • Welche Aussagen werden eigentlich gefordert?
  • Können diese Aussagen/Informationen mit der einen oder anderen Art der Prüfgeräte beschafft werden bzw. wie aussagekräftig sind sie?

Welche Vorgaben gilt es zu erfüllen?

Wenn auch die in diesen Prüfnormen dazu aufgeführten Vorgaben recht unterschiedlich formuliert wurden, so kann man doch alles auf einen Nenner bringen und sagen:

Es wird gefordert, dass die Anlagen fehlerfrei sind, d.h.:

  • handwerklich einwandfrei hergestellt wurden,
  • sich noch in einem ordnungsgemäßen Zustand befinden,
  • keine beschädigten Bauteile aufweisen und
  • den Vorgaben der Errichtungsnormen genügen.

Hinzu kommen die Vorgaben der Prüfnormen, die zum Teil der Bewertung des Zustands der neu errichteten oder bereits betriebenen Anlage dienen. Ein Teil dieser Normenvorgaben besteht in der direkten oder indirekten Angabe eines Grenzwerts, der nicht unterschritten (Abstände, Isolationswiderstand) oder nicht überschritten (Strombelastung, Schleifenimpedanz, Erdungswiderstand) werden darf.

Diese Grenzwerte haben sehr unterschiedliche Aussagen.

Was ist ein Grenzwert wert?

Beim Isolationswiderstand trennt der Grenzwert von z.B. 1 MΩ die Stromkreise ziemlich willkürlich und technisch nicht begründbar in

  • die „schlechten“, solche mit Riso < 1 MΩ, denen kommentarlos ein „nicht bestanden“ bzw. „Nein“ zugesprochen wird und
  • die „guten, solche mit Riso ≥ 1 MΩ, bei denen kein Prüfer weiß, ob ein Isolationsfehler vorliegt oder nicht, und der betreffende Stromkreis kritiklos mit „bestanden“ bzw. „Ja“ bewertet wird.

Die Notwendigkeit, die Gründe bzw. die Richtigkeit dieses Grenzwerts werden in den Normen selbst widerlegt, indem eine Vielzahl von Ausnahmen gestattet und die betreffenden Erzeugnisse dann trotzdem, im Gegensatz zur eigentlichen Aussage des Grenzwerts, als sicher bezeichnet werden.

Und ebenso werden Erzeugnisse, deren Isoliervermögen sich gegenüber dem Neuzustand erheblich vermindert hat (z.B. 20 MΩ auf 2 MΩ), als „sicher“ eingestuft.

Bei der Schleifenimpedanz gibt es immer einen exakt begründbaren Grenzwert, der dann auch die Messwerte exakt in die Bereiche

  • „schlecht“ – Abschaltung nicht rechtzeitig und
  • „gut“

teilt.

Wie konkret muss die Aussage sein?

Das „Gut“ ist bei näherem Hinsehen allerdings eine sehr unscharfe Aussage. Es beschreibt den Bereich von „die Abschaltung erfolgt gerade noch rechtzeitig“ bis „es wird viel schneller abgeschaltet als eigentlich nötig“ und gestattet dem Prüfer einen Verzicht auf jedes Nachdenken über die Qualität der Anlage sowie über das mögliche Vorhandensein von Fehlern.

Beim Differenzstrom, der zum Auslösen eines FI-Schutzschalters führen muss, trennt der exakt begründete, aber nicht ganz mit der Realität übereinstimmende Auslöse-Grenzwert IΔN zwischen

  • „schlecht“, d.h. eindeutig „Schalter defekt“ und
  • „gut“, das eigentlich aber bedeuten kann „Schalter vielleicht sehr gut, vielleicht aber gerade noch gut oder vielleicht schon stark beschädigt oder sogar kurz vor dem Ausfall“.

Schließlich bleibt es, wie oben bereits angeführt, beim Messen von Erdungswiderstand und Berührungsspannung völlig offen, welche Grenzwerte den „Ja-Nein-Geräten“ einzugeben wären.

Grenzwerte? Ja, aber ...

Vor dem Hintergrund

  • dieser Bewertung einer Anlage mithilfe der Grenzwerte,
  • des Nichtvorhandenseins der Grenzwerte für einige Kenngrößen und
  • der ungenügenden Qualität der Aussagen/Entscheidungen, die sich beim Anwenden der vorhandenen Grenzwerte zwangsläufig ergeben,

ist festzustellen, dass mit den Ja-Nein-Prüfgeräten lediglich das Einhalten von unkonkreten – von einigen möchte man sagen: fragwürdigen – Grenzwerten aber nicht der fehlerfreie Zustand der betreffenden Anlage ermittelt werden kann. Einige Beispiele dazu zeigt Tabelle 1.
Bei einer „Ja“-Entscheidung eines Ja-Nein-Prüfgeräts kann als gesichert lediglich die Aussage noch keine Gefährdung betrachtet werden.

Fehlersuche verlangt Sorgfalt

Alle auf der Grundlage der Ja-Nein-Entscheidung abgegebenen Aussagen sind nicht zuverlässig oder nur für den Zeitpunkt der Prüfung gesichert. Sie erfüllen auch nicht die Vorgabe nach DIN VDE 0105-100 Abschn. 5.3.3.1:

„... Wiederkehrende Prüfungen sollen Mängel aufdecken, die nach der Inbetriebnahme aufgetreten sind und den Betrieb behindern oder Gefährdungen hervorrufen können.“

Daher ist eine auf dieser Ja-Nein-Grundlage beruhende Freigabe der Anlage nicht vertretbar und besonders die nach der Prüfung abzugebende Erklärung

„Die Anlage wird bei bestimmungsgemäßem Gebrauch bis zur nächsten Prüfung in ... Jahren sicher arbeiten.“

nach meiner Meinung nicht weit von einer fahrlässigen Spekulation entfernt.

Unverzichtbar: Nachdenken über das Prüfobjekt

Wem es darum geht, sich über den Zustand seiner Anlage zu informieren und so gut wie möglich auch die vorhandenen Fehler, Schwachstellen und Ungereimtheiten festzustellen, um eine annähernd gesicherte Aussage treffen zu können, der kommt nicht umhin, Prüfgeräte zu verwenden, die den gemessenen Wert anzeigen und somit zur Diskussion stellen.

Zu fragen ist natürlich auch, welche Vorteile das Anwenden der Ja-Nein-Geräte bei der Erst- oder der Wiederholungsprüfung denn tatsächlich bringt. Beim Anfertigen des Messprotokolls z.B. ist zu unterscheiden

  • zwischen dem Ablesen eines mit dem ersten Blick zu erfassenden Messwerts, bei dem es noch dazu nicht auf die zweite Kommastelle ankommt und dem auf einen Blick zu erfassenden Rot- oder Grün-Zustand sowie dann
  • zwischen dem Eintragen von zwei Ziffern und dem Eintragen von zwei Buchstaben (i.O. oder o.k.).

Lohnt die dabei vielleicht entstehende minimale Einsparung den Verzicht auf das Nachdenken über das Prüfobjekt? Der möglicherweise entstehende Zeitgewinn ist noch dazu sehr, sehr gering gegenüber dem in beiden Fällen nötigen Aufwand zum Ermitteln des jeweiligen Grenzwerts.

Billige Prüfung?

Eine tatsächliche Einsparung ergibt sich allerdings dann, wenn die Prüfung nicht von einer Elektrofachkraft sondern von einer weniger qualifizierten Person vorgenommen wird. Das aber würde den gesetzlichen Vorgaben (BetrSichV) und den Normenvorgaben widersprechen, kommt also – für die verbindlich vorgegebenen Prüfungen – nicht infrage.

Jede andere angebliche „Zeiteinsparung“ bei der Verwendung von Ja-Nein-Geräten kann nur durch einen völligen Verzicht auf die „Messungen“ entstehen.

Das Anwenden der Ja-Nein-Prüfgeräte bei einer Erst- oder einer Wiederholungsprüfung bringt keine Einsparung, erhöht aber das Risiko eines Ausfalls der betreffenden Anlage während ihres Betriebs.

Ja-Nein-Geräte sind keine Lösung

Das Anwenden dieser Ja-Nein-Prüfgeräte ist somit – aus meiner, ich denke gut begründeten, Sicht – bei der Erst- oder der Wiederholungsprüfung nicht zu akzeptieren. Wer ihre Anwendung bei diesen Prüfungen vertritt, sitzt am grünen Tisch. Diese Geräte können dann angewandt werden, wenn zwischen den Prüfzeitpunkten regelmäßige oder aus einem anderen Anlass erforderlichen Kontrollen vorzunehmen sind, bei denen es nur auf die Aussage „Im Moment ist keine Gefährdung/Gefahr vorhanden.“ ankommt.

Tab. 1: Fehler in einer Anlage, die bei einer das Einhalten des Grenzwerts bestätigenden „Ja“-Aussage eines Ja-Nein-Prüfgeräts nicht entdeckt werden

PrüfobjektInhalt der Ja-AussageNicht erfasste Fehler
Isolierung Isolationswiderstand > 1 MΩ alle Isolationsmängel, die nicht außerdem noch durch Nässe beansprucht werden oder nicht zu einem direkten Kurzschluss führen
Schutzleiter Schleifenimpedanz erfüllt die Abschaltbedingung
  • Defekte in der Schutzleiterbahn, unterschiedliche Widerstände bei sonst gleichen Bedingungen mehrerer Abschnitte des Schutzleiters 
  • Schutzleiterunterbrechungen, die z.B. durch Datenleitungen der angeschlossenen Geräte überbrückt werden 
  • Unterschiede zwischen Innenwiderstand (L-N) und Schleifenimpedanz
FI-Schutzschalter Schaltet bei einem ihm zusätzlich aufgedrückten Differenzstrom von IΔN = ...
  • Defekt durch Fremdfelder oder Alterung
  • vorhandene Ableitströme die das Ansprechverhalten ändern
  • und vorhandene Fehlerströme (Isolationsfehler)
Erder eine bestimmte Berührungsspannung eingehalten
  • mangelhafter/veränderter Zustand des Erders und
  • Isolationsfehler mit der durch sie entstehenden Berührungsspannung

Autor: Dipl.-Ing. K. Bödeker

Diesen Fachartikel sowie weitere zum Thema finden Sie in dem Produkt Die Elektrofachkraft in der betrieblichen Praxis.

Zurück

Kommentare

Kommentar von Erwin P. Scissek |

Ein ja-Nein Prüfgerät zeigt mir, ob ich in der Toleranz bin oder nicht.
Ein aufwändigeres Messgerät zeigt mir einen konkreten Messwert. Ich selber muss entscheiden, ob der Wert innerhalb des geforderten Wertes liegt. Ich sehe keinen wirklichen Sicherheitsgewinn. Dass die Sichtprüfung einen Prüfer möglicherweise dazu bringt nochmal genauer hin zu schauen, zu bewegen, nachzumessen ist davon unberührt.

Grüße
Erwin P. Scissek

* Pflichtfeld