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Arbeitswut als Suchterkrankung

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Arbeitswut als Suchterkrankung
Multitasking - nicht nur positiv

„Der arbeitet bis zum Umfallen“ - ein Spruch, der mitunter noch als Kompliment für Einsatz und Leistungsbereitschaft gilt. Dabei führt Vielarbeit unter Umständen tatsächlich so weit.

Workaholismus ist in vielerlei Hinsicht mit anderen Abhängigkeiten (etwa von Alkohol oder harten Drogen) vergleichbar.

Die Selbsthilfegruppe „Anonyme Arbeitssüchtige“ (AAS) bringt es auf den Punkt: „Wenn man ohne den Job nur noch Leere verspürt, dies aber leugnet, dann ist es soweit“. Alle Gedanken kreisen nur noch um das Eine, die Dosis müsse ständig erhöht werden. Entscheidend sei hier der Kontrollverlust.

Auf Warnsignale achten

Jeder siebte Arbeitnehmer in Deutschland gilt als tendenziell gefährdet. Betroffene merken oft gar nicht, wie ernst ihre Lage ist, zumal das betriebliche Umfeld eine erhöhte Leistungsbereitschaft meist positiv bewertet.

Wenn Sie dazu neigen, überdurchschnittlich viel zu arbeiten, sollten Sie auf Warnsignale achten. Therapeuten nennen vor allem folgende Anzeichen:

  • die Gedanken kreisen nur um den Job
  • das Arbeitspensum wird laufend gesteigert
  • Überstunden sind selbstverständlich
  • Neigung zu Multitasking
  • gereizte Reaktion, wenn Kollegen unterbrechen
  • kaum soziale oder persönliche Interessen
  • starke Stimmungsschwankungen
  • Depressionen
  • Leugnung des Problems

Körperliche Begleiterscheinungen

Weil Workaholics ihr Arbeitspensum bis jenseits der Belastungsgrenze steigern, wird die Sucht auch von körperlichen Symptomen begleitet, die Betroffene oft nicht bemerken oder als Lappalie herunterspielen. Dazu zählen Appetitlosigkeit, Antriebsschwäche, Konzentrationsprobleme, häufige Kopfschmerzen, Magenverstimmungen, aber auch schwere Rücken- und Nackenleiden bis hin zum Bandscheibenvorfall. Studien belegen außerdem, dass Arbeitssüchtige generell zu wenig schlafen und sich mangelhaft ernähren, was wiederum Gesundheitsprobleme provoziert.

Workaholics sind nicht produktiver

Auch auf das Betriebsklima kann sich das Problem auswirken: Ein Arbeitssüchtiger tendiert dazu, alle Aufgaben an sich zu ziehen und andere zu kontrollieren. Delegation und Teamfähigkeit sind oft nicht seine Sache. Obendrein deutet alles darauf hin, dass die Vielarbeiter unterm Strich nicht unbedingt mehr leisten, im Gegenteil: „Ausgeruhte Menschen sind produktiver“, lautet eine Erkenntnis von Sucht-Experten, die sich auf aktuelle Studien stützt.

Arbeiten bis zum Umfallen

Auch in anderen Ländern ist das Phänomen stark ausgeprägt. In Japan beispielsweise erliegen rund 20 000 Menschen im Jahr ihrer Arbeitswut. „Karoshi“ - Tod durch Überarbeitung - ist dort seit 1990 als berufsbedingte Erkrankung anerkannt. Gemeint ist damit der plötzliche Tod von Menschen, die überdurchschnittlich viel arbeiten, meist ausgelöst durch Herz-Kreislauferkrankungen wie Schlaganfall oder Herzinfarkt.

Warum wird jemand Workaholic?

Hintergrund sind offenbar nicht (nur) die hohen Leistungsanforderungen am Arbeitsmarkt und der steigende Druck auf Mitarbeiter. Psychologen sehen tiefere Ursachen in der Arbeitssucht, unter anderem soll die familiäre Vorgeschichte des Betroffenen eine Rolle spielen. Wer zum Beispiel in einem stark leistungsorientierten Umfeld aufgewachsen ist, könnte den Glauben verinnerlicht haben, Wertschätzung nur durch seine Arbeit erfahren zu können. Leitsätze wie „Ohne Fleiß kein Preis“ bestimmen sein Leben. Auch psychische Probleme wie Kontaktängste oder Minderwertigkeitskomplexe können dahinterstecken, die Flucht vor der Realität, vor beruflichen oder privaten Konflikten.

Um die Hintergründe im jeweiligen Einzelfall zu klären, ist professionelle Hilfe unerlässlich. Auch der Kontakt zu einer Selbsthilfegruppe kann dazu beitragen, die Situation zu ändern. Voraussetzung ist allerdings der Wille des Arbeitssüchtigen, dabei mitzuwirken.

Unterstützung und Selbsthilfe

Workaholismus ist längst kein Einzelfall mehr, und Schlagwörter wie „Work-Life-Balance“ gewinnen zunehmend an Bedeutung. Achten Sie auf ein gesundes Maß an Arbeit und sorgen Sie für regelmäßigen Ausgleich. Jeder Unternehmer sollte bestrebt sein, gefährdete oder betroffene Mitarbeiter zu unterstützen. Stressbewältigungsprogramme, Coaching oder zum Beispiel ein Seminar für Zeitmanagement können zumindest die dringend benötigten Auszeiten und Entlastung bringen. Scheuen Sie sich also nicht, derartige Probleme auch in Ihrer Firma anzusprechen, falls Sie selbst oder ihre Kollegen betroffen sind.

Autorin: Christine Lendt, freie Journalistin, www.recherche-text.de

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