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Arbeiten im spannungsfreien Zustand

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Befolgen Sie bei elektrotechnischen Arbeiten die 5 Sicherheitsregeln
Bei Arbeiten im spannungsfreien Zustand gelten die Anforderungen der fünf Sicherheitsregeln (Bildquelle: Grigorev_Vladimir/iStock/Thinkstock)

Mit der Umsetzung der fünf Sicherheitsregeln wird für die Dauer der Arbeit der spannungsfreie Zustand an der Arbeitsstelle hergestellt und sichergestellt. Um Verwechslungen, Missverständnissen und Unklarheiten über die Grenzen des Arbeitsbereichs vorzubeugen, muss vor Anwendung der fünf Sicherheitsregeln der Arbeitsbereich eindeutig festgelegt werden.

Erste Sicherheitsregel: Freischalten

Die Anlagenteile, an denen gearbeitet werden soll, müssen von allen möglichen Einspeisepunkten getrennt werden.

Das Freischalten muss grundsätzlich allpolig erfolgen und geschieht in der Regel an der Überstromschutzeinrichtung. Bei automatischen Leitungsschutzschaltern wird der Kipphebel nach unten umgelegt. Bei Schmelzsicherungen wird der Schmelzeinsatz entnommen, wobei darauf geachtet werden muss, dass bei demontierter Schraubkappe die Gefahr besteht, aktive Teile am Fußkontakt zu berühren.

An dieser Stelle muss unbedingt auf mögliche Rückspannungen geachtet werden. Deswegen wird empfohlen, vor dem Freischalten alle Quellen, durch die Rückspannungen auftreten können, zu ermitteln.

Zweite Sicherheitsregel: Gegen Wiedereinschalten sichern

Um zu vermeiden, dass eine Anlage an der gerade gearbeitet wird, irrtümlich wieder eingeschaltet wird und somit unter Spannung steht, müssen alle Schaltgeräte, die zum Einschalten eines Anlagenteils betätigt wurden, gegen Wiedereinschalten gesichert werden, z.B. durch Sperren des Betätigungsmechanismus. Ein sicherer Schutz gegen Fehlschaltungen sowie unbedachte oder unbeabsichtigte Schalthandlungen der Beschäftigten bieten abschließbare Hauptschalter, z.B. durch Vorhängeschlösser.

Vor Beginn der Arbeiten müssen Verbotsschilder zur Warnung vor unerlaubten Schalthandlungen angebracht werden. Diese müssen aus Isolierstoff bestehen und sollten so befestigt werden, dass sie nicht herunterfallen können. Bei Schaltgeräten kleinerer Abmessungen können zusätzlich auch Aufkleber, Magnetschilder oder auch Steckkarten mit entsprechender Aufschrift verwendet werden. Sollte ein Anlagenteil, von zwei Seiten eingeschaltet werden können, z.B. Ringleitungen, müssen vor der Arbeit an beiden Schaltern Verbotsschilder angebracht werden.

Unbefugten ist der Zutritt verboten
Abb.1: Unbefugten ist der Zutritt verboten

Hinweis

Das Anbringen von isolierenden Schutzplatten zwischen offenen Schaltelementen (z.B. Trennschalter) ist kein Sichern gegen Wiedereinschalten, sondern gilt lediglich zum Abdecken von unter Spannung stehenden Teilen.

Dritte Sicherheitsregel: Spannungsfreiheit feststellen

Um festzustellen, ob tatsächlich am Arbeitsort keine gefährliche Spannung ansteht, muss an der Arbeitsstelle Spannungsfreiheit festgestellt werden. Aus vielen Gründen kann hier noch Spannung anstehen, wie z.B.:

  • die Überstromschutzeinrichtungen sind nicht richtig beschriftet
  • die Revisionsunterlagen sind nicht aktuell
  • es existieren unbekannte Querverbindungen
  • die Arbeitsstelle wurde verwechselt
  • Kabel oder Leitungen wurden verwechselt
  • beim Freischalten wurden die Schalter vertauscht
  • in den Geräten sind Kapazitäten eingebaut
  • es ist eine Ersatzstromversorgung vorhanden
  • es liegen Spannungsverschleppungen vor, z.B. durch unterbrochenen PEN-Leiter

Hinweis

Das Feststellen der Spannungsfreiheit mit einem Spannungsprüfer gilt als Arbeiten unter Spannung!

Nur von Elektrofachkraft durchführen lassen

Die Spannungsfreiheit darf nur von Elektrofachkräften oder elektrotechnisch unterwiesenen Personen, die Kenntnis der einschlägigen Bestimmungen sowie Kenntnisse über den Aufbau der Anlage besitzen, festgestellt werden. Diese Arbeit darf niemals durch Laien ausgeführt werden.

Warnung vor gefährlicher elektrischer Spannung
Abb. 2: Warnung vor gefährlicher elektrischer Spannung (Bildquelle: prill/iStock/Thinkstock)

Im Niederspannungsbereich (Nennspannungen bis 1.000 V) dürfen zur Feststellung der Spannungsfreiheit nur zweipolige Spannungsprüfer nach DIN EN 61243-3 (VDE 0682-401), in Anlagen mit Nennspannungen über 1 kV nur solche nach DIN EN 61243-1 (VDE 0682-411) oder DIN EN 61243-2 (VDE 0682-412), verwendet werden.

Bei Kabeln und Leitungen lässt sich an der Arbeitsstelle die Spannungsfreiheit mit Spannungsprüfer nicht ohne Weiteres durchführen. Das freigeschaltete Kabel muss jedoch eindeutig bestimmt werden. Kann es eindeutig von der Schaltstelle bis zur Arbeitsstelle verfolgt werden, kann vom Feststellen der Spannungsfreiheit abgesehen werden. Ist dies nicht der Fall, muss das Kabel an der Arbeitsstelle mit Sicherheitsschneidvorrichtungen geschnitten werden. Dabei wird die Anwendung von Kabelauslesegeräten empfohlen.

Vierte Sicherheitsregel: Erden und kurzschließen

Einer der wichtigsten Punkte zum Arbeiten im spannungsfreien Zustand ist das Erden und Kurzschließen der Anlagenteile, an denen gearbeitet werden soll. Diese Sicherheitsregel wird jedoch nur bei Arbeiten an Mittel- und Hochspannungsanlagen, beispielsweise bei Arbeiten an Freileitungen oder Arbeiten an Niederspannungshauptverteilungen, angewendet.

Zuerst mit Erdungsanlage/Erder verbinden

Die zum Erden und Kurzschließen verwendete Vorrichtung muss stets zuerst mit der Erdungsanlage oder einem Erder und danach erst mit dem zu erdenden Anlagenteil verbunden werden, wenn die Erdung und Kurzschließung nicht gleichzeitig, z.B. über einen Erdungsschalter, erfolgt.

Alle Vorrichtungen und Geräte zum Erden und Kurzschließen müssen grundsätzlich einen sicheren Kontakt zu der Erdungsanlage sowie den zu erdenden und kurzzuschließenden Anlagenteilen sicherstellen und dem Kurzschlussstrom bis zum Abschalten standhalten.

Vorrichtungen zum Erden und Kurzschließen

Das Erden und Kurzschließen erfolgt meist durch

  • fest eingebaute Erdungsschalter nach DIN EN 62271-102 (VDE 0671-102), deren Aufgabe darin besteht, abgeschaltete Anlagenteile zu erden und bei mehrpoligen Erdschaltern gleichzeitig kurzzuschließen.
  • zwangsgeführte Staberdungs- und Kurzschließvorrichtungen nach DIN EN 61219 (VDE 0683-200). Dabei darf der Einsatz der Staberdungsgeräte nur an freigeschalteten, auf Spannungsfreiheit geprüften elektrischen Anlagenteilen erfolgen.
  • frei geführte ortsveränderliche Erdungs- und Kurzschließgeräte nach DIN EN 61230 (VDE 0683-100).

Hinweis

In Kleinspannungs- und Niederspannungsanlagen (bis 1.000 V) darf vom Erden und Kurzschließen abgesehen werden, außer wenn das Risiko besteht, dass die Anlage unter Spannung gesetzt wird durch eine Ersatzstromversorgungsanlage, dezentrale Erzeugungsanlagen oder bei Freileitungen, die von anderen Leitungen gekreuzt oder elektrisch beeinflusst werden.

Fünfte Sicherheitsregel: Benachbarte, unter Spannung stehende Teile abdecken oder abschranken

Arbeiten in der Nähe unter Spannung stehender Teile sollten nach Möglichkeit grundsätzlich vermieden werden. Können diese Anlagenteile in der Nähe der Arbeitsstelle jedoch nicht freigeschaltet werden, müssen diese vor Arbeitsbeginn gegen Berührung mit Arbeitsmaterialien abgedeckt oder abgeschrankt werden.

Abdeckungen müssen ausreichend isolieren und allen zu erwartenden mechanischen Beanspruchungen standhalten. D.h. sie müssen sicher befestigt sein und dürfen sich nicht durch zufälliges Berühren lösen oder abfallen. Es können Isolierstoffplatten und -matten, Abdecktücher oder auch Schutzgitter eingesetzt werden. Jedenfalls muss das Material, wenn es mit unter Spannung stehenden Teilen in Berührung kommt, eine ausreichende elektrische Festigkeit besitzen.

Freigabe zur Arbeit

Erst nach Durchführung der fünf Sicherheitsregeln darf die Arbeitsstelle durch den Arbeitsverantwortlichen freigegeben werden. Die wichtigste Voraussetzung hierfür ist die Genehmigung durch den Anlagenverantwortlichen.

Der Anlagenverantwortliche

  • wird vom Anlagenbetreiber beauftragt.
  • trägt während der Durchführung von Arbeiten an der elektrischen Anlage die unmittelbare Verantwortung für den Betrieb der elektrischen Anlage.
  • übernimmt die Verantwortung für die sichere Durchführung von Arbeiten an oder in der Nähe der elektrischen Anlage und der damit verbundenen sicherheitstechnischen Anweisungen gegenüber eigenen Mitarbeitern und Mitarbeitern von Fremdfirmen.
  • ist der Ansprechpartner des Arbeitsverantwortlichen, sollte sich mit der Anlage und deren Zustand auskennen, die Auswirkungen der Arbeiten auf die Anlage beurteilen können, so dass der Arbeitsverantwortliche sowie weitere Personen gefahrlos arbeiten können.
  • übernimmt nicht die Verantwortung des Unternehmers im gesamten Bereich der elektrischen Anlage. Er ist nur für die Anlagenteile verantwortlich, die zur Arbeitsstelle gehören und übernimmt die Aufgaben nach Arbeitsschutzgesetz (§ 8 Abs. 2) und VDE 0105-100 "Betrieb von elektrischen Anlagen" an der Arbeitsstelle nur für die Dauer der Arbeit.
  • und der Arbeitsverantwortliche können nach VDE 0105-100 ein- und dieselbe Person sein.

Freischaltschein

Obwohl die VDE 0105-100 kein Freigabeverfahren in schriftlicher Form fordert, wird zur Vermeidung von Missverständnissen empfohlen, für Arbeiten an Hochspannungsanlagen Einzelheiten über Freischaltungen und Erdungen schriftlich festzulegen (Freischaltschein).

Unter Spannung setzen nach der Arbeit

  • Mit dem Prozess zum Wiedereinschalten nach Beendigung und Überprüfung der Arbeiten darf erst begonnen werden, wenn sich an der Arbeitsstelle keine Personen, Werkzeuge und Hilfsmittel mehr befinden.
  • Die Maßnahmen der fünf Sicherheitsregeln werden im Normallfall in umgekehrter Reihenfolge aufgehoben. Es sind immer zuerst die Kurzschließverbindungen und danach die Erdverbindungen zu lösen.
  • Ebenfalls ist nach Abschluss der Arbeiten der Anlagenverantwortliche über die Beendigung der ausgeführten Arbeiten zu informieren, die ausgegebenen Freigabescheine wieder auszuhändigen. Der Arbeitsverantwortliche muss den Anlagenverantwortlichen klar und unmissverständlich über den Abschluss der Arbeiten unter Angabe der Arbeitsstelle und der Arbeitsgruppe sowie die Einschaltbereitschaft melden.
Freigabeschein
Abb. 4: Freigabeschein (Bildquelle: Formulare Elektrosicherheit)
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