10 Grundsätze für das Arbeiten unter Spannung (AuS)

Arbeiten unter Spannung erfordern besondere Schutzmaßnahmen
Arbeiten unter Spannung erfordern besondere Schutzmaßnahmen (Bildquelle: Stockbyte/Stockbyte/Thinkstock)

Arbeiten an elektrischen Anlagen oder Betriebsmitteln, die unter Spannung stehen, sind lebensgefährlich. Es drohen Körperdurchströmung oder die Bildung von Lichtbögen. Daher sind Arbeiten unter Spannung nur unter bestimmten Umständen und bei strikter Beachtung von Sicherheitsregeln zulässig. Dabei müssen der Arbeitgeber und die eingesetzten Elektrofachkräfte einige Sicherheitsgrundsätze befolgen.

Arbeiten unter Spannung sind nur zulässig, wenn zwingende Gründe für diese Arbeitsmethode bestehen. In bestimmten Situationen ist es jedoch nahezu unmöglich oder nicht sinnvoll, Spannungsfreiheit herzustellen. Solche Gründe können z.B. folgende sein:

  • Im Rahmen einer Fehlersuche müssen Messungen vorgenommen werden, die ohne Vorliegen einer elektrischen Spannung keinen Sinn ergeben würde.
  • Bei Spannungsfreiheit durch Abschalten einer Maschine oder Anlage würden neue Gefährdungen für Leben und Gesundheit von Personen entstehen (Beispiel: Ausfall einer Anlage zur Verkehrssteuerung oder lebensnotwendige Systeme zur Versorgung)
  • Bei komplettem Abschalten würden hohe wirtschaftliche Schäden entstehen. Dies kann z.B. der Fall sein bei Spannungsfreiheit bei großindustriellen Fertigungsprozessen in der Stahlindustrie oder in Glashütten.

Näheres zu den Regelungen solcher Ausnahmen finden Sie in der DIN VDE 0105-100 "Betrieb von elektrischen Anlagen".

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10 Grundsätze für das Arbeiten unter Spannung (AuS)

Für das Arbeiten unter Spannung (AuS) gelten folgende Grundsätze. Sie richten sich sowohl an den Arbeitgeber wie an die beteiligten und die Arbeiten durchführenden Elektrofachkräfte.

  1. Nur bei „zwingenden Gründen“ darf – laut § 8 der DGUV Vorschrift 3 (ehemals BGV A3) – ausnahmsweise „unter Spannung“ gearbeitet werden. Ansonsten sind Arbeiten an unter Spannung stehenden Teilen verboten.
  2. Der Arbeitgeber muss nach erfolgter Gefährdungsbeurteilung und auf der Grundlage dieser Gefährdungsbeurteilung entscheiden, ob Arbeiten unter Spannung durchgeführt werden.
  3. Der Arbeitgeber muss für jede unter Spannung vorgesehene Tätigkeit schriftlich festlegen, welche Gründe er als zwingend dafür ansieht, dass auf Spannungsfreiheit verzichtet werden soll.
  4. Der Arbeitgeber muss für die Durchführung der Arbeiten unter Spannung eine Arbeitsanweisung erstellen (oder erstellen lassen).
  5. Arbeiten unter Spannung dürfen nur dann ausgeführt werden, wenn Sicherheit und der Schutz der Gesundheit aller an den Tätigkeiten und Arbeiten beteiligten Beschäftigten gewährleistet sind.
  6. Arbeiten unter Spannung dürfen nur von Personen ausgeführt werden, die für diese Arbeiten ausgebildet und fachlich geeignet sind. Genauere Angaben dazu und die notwendigen Schulungen macht die DGUV Regel 103-011 (ehemals BG-Regel BGR A3). Die Qualifikation wird im AuS-Pass dokumentiert.
  7. Arbeiten unter Spannung dürfen nur ausgeführt werden, wenn geeignete Werkzeuge und Hilfsmittel vorhanden sind, welche eine Gefährdung durch Lichtbogen oder Körperdurchströmung ausschließen.
  8. Für Arbeiten unter Spannung ist es unerlässlich, dass technische, organisatorische und persönliche Sicherheitsmaßnahmen festlegt und umgesetzt werden.
  9. Zu den Sicherheitsmaßnahmen gehört auch, dass nicht frei geschaltete aktive Teile einer elektrischen Anlage durch isolierende Abdeckungen gegen Berühren geschützt werden.
  10. Arbeiten unter Spannung sollten nur ausgeführt werden, wenn sie von einer Person überwacht werden, die in der Ersten Hilfe ausgebildet und mindestens elektrotechnisch unterwiesen ist.

Im Klartext: AuS ist nur Elektrofachkräften erlaubt und auch das nur im Ausnahmefall und unter strengster Beachtung sämtlicher Sicherheitsvorschriften!

Isolierte Sicherheitswerkzeuge für Arbeiten unter Spannung

Bei den ersten Arbeiten unter Spannung vor einigen Jahrzehnten hat man noch normale Werkzeuge mit Isolierband umwickelt. Heute ist eine ganze Palette von isolierten Handwerkzeugen für elektrische Arbeiten unter Spannung bis zu bestimmten Spannungsobergrenzen erhältlich: Hämmer, Schraubenzieher, Schraubenschlüssel, Drehmomentknarren, Greif- und Abisolierzangen usw. Selbst Zollstöcke gibt es in isolierten Ausführungen aus Kunststoff und Glasfaser und ganz ohne Metallelemente. Für Instandhaltungsarbeiten in Großanlagen, z.B. der Energieversorger, kommen inzwischen auch fernsteuerbare und mit Kameras ausgestattete Roboter-Systeme zum Einsatz.

Isolierte Werkzeuge und isolierende Hilfsmittel sollten gekennzeichnet sein mit dem Isolator-Symbol und/oder einem Doppeldreieck mit Angabe der Spannung. Die zwei Dreiecke senkrecht übereinander stellen das Piktogramm für Arbeiten unter Spannung dar. Die exakte Ausführung des Symbols ist in unterschiedlichen Texten des Regelwerks nicht immer identisch (s. Abbildung). Dennoch ist das Piktogramm unverkennbar und gilt nicht nur in Deutschland, sondern international.

Abb. 1: Kennzeichnung von Werkzeugen, Hilfsmitteln und persönlichen Schutzausrüstungen für das Arbeiten an unter Spannung stehenden Teilen (Bildquellen: links: DGUV Vorschrift 3 „Elektrische Anlagen und Betriebsmittel“, Mitte: DGUV I 203-050 "Kommentar zur UVV "Elektrische Anlagen und Betriebsmittel", rechts: DGUV U 209-001 „Arbeiten mit Handwerkszeugen“)

Kennzeichnung von Werkzeugen, Hilfsmitteln und persönlichen Schutzausrüstungen für AuS

Schutzausrüstung für Arbeiten unter Spannung

Die Schutzausrüstung für Arbeiten unter Spannung besteht aus Elektriker-Schutzhelm, Elektriker-Gesichtsschutzschirm, Elektriker-Handschuhen, Unterziehhandschuhen, Elektriker-Schutzjacke und -hose oder Schaltmantel und Schutzstiefeln. Dazu kommen weitere Ausrüstungsteile wie Standmatte zur Standortisolierung oder Abdecktücher aus Gummi.

Neben dem Elektro-Isolierband kommen bei Arbeiten unter Spannung verschiedene spezielle Hilfsmittel zum Einsatz, hier einige Beispiele:

  • Sperrkappen schützen vor einem unüberlegten Zuschalten von Schraubsicherungen. Sie können nur mit Spezialschlüsseln entfernt werden. Diese Schutzmaßnahme kann insbesondere bei Instandhaltungsmaßnahmen unverzichtbar sein.
  • Zählertüllen isolieren Einzeladern.
  • Isolierstopfen sichern Schraubsicherungen.
  • Spreizkeile spreizen Hauptleiterkabel und helfen beim Schneiden von Kabeladern, z. B. zum Montieren von Kabelabzweigklemmen.
  • Blindeinsätze sichern vor einem unüberlegten Zuschalten von NH-Sicherungseinsätzen.
  • Für Automaten- und Leistungsschalter sind Sperrelemente verfügbar, die bügelartig über die Module befestigt werden.

Zur Schutzausrüstung bei Arbeiten unter Spannung gehören im weiteren Sinne auch Elemente, welche Unbefugte von der Arbeitsstelle fernhalten wie Absperrbalken, Warnhinweise usw.

Autor: Dr. Friedhelm Kring

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