Document Actions

Stromunfälle

Eine Hilfe zur Unterweisung von Elektrofachkräften

Bei der Arbeit der Elektrofachkräfte (EF) wird das Unfallgeschehen zahlenmäßig in erster Linie durch nicht elektrische Unfälle bestimmt. Unfälle wie z.B. durch Sturz von der Leiter, Quetschung, Schneiden sowie, insbesondere bei Einsätzen im Montagebereich, Unfälle im Straßenverkehr dominieren.

Unter Berücksichtigung der Todesfolge sind Stromunfälle rund 20- bis 30-fach „gefährlicher“ als sonstige Arbeitsunfälle.

Unter Berücksichtigung der Todesfolge sind Stromunfälle rund 20- bis 30-fach „gefährlicher“ als sonstige Arbeitsunfälle.

Hauptanteil: nicht elektrische Unfälle

Daher werden die Themen der Sicherheitsunterweisungen nach § 12 Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG) und § 9 Betriebssicherheitsverordnung (BetrSichV) sowie § 4 Berufsgenossenschaftliche Vorschrift (BGV)/Unfallverhütungsvorschrift (UVV) „Grundsätze der Prävention“ (BGV A1) aus gutem Grund vorzugsweise diese Gebiete erfassen.

Todesrate (Letalität) bei Stromunfällen weit überdurchschnittlich groß

Stromunfälle sind absolut genommen auch in “rein” elektrotechnischen Betrieben ebenso wie in der Großinstallation relativ selten, d.h., sie erreichen auch dort im Regelfall allenfalls 1 % bis 2 % der gesamten angezeigten Arbeitsunfälle. Dagegen beträgt die Letalität, d.h. die Zahl der Unfälle mit Todesfolge, bei den angezeigten elektrischen Unfällen 1,3 % bis 2 %, während der vergleichbare Anteil der tödlichen Unfälle bei den übrigen angezeigten Arbeitsunfällen 0,06 % erreicht.

Beispielhaft zeigt Tabelle 1 die Situation im Jahr 2005 bei den Mitgliedsbetrieben der Berufsgenossenschaft der Feinmechanik und Elektrotechnik.

Tab.: Letalität bei elektrischen Unfällen im Jahr 2005. Die Letalität, d.h. der Anteil der Unfälle mit Todesfolge, ist bei elektrischen Unfällen mehr als 21-fach größer als beim Durchschnitt der sonstigen Arbeitsunfälle

Stromunfälle - Hilfe für die Unterweisung
Unter Berücksichtigung der Todesfolge sind Stromunfälle somit rund 20- bis 30-fach (die Zahlen schwanken zwischen den Jahren) „gefährlicher“ als sonstige Arbeitsunfälle.

Geringe Zahl von Stromunfällen führt zu trügerischem Sicherheitsbewusstsein

Diese Situation wird von den in der praktischen Arbeit stehenden Elektrofachkräften und deren Vorgesetzten im Allgemeinen nicht erkannt oder unrichtig ausgelegt. „Bei uns passiert nichts“ – „Wir sind Elektrofachkräfte und passen schon auf.“ – „Wann hatten wir denn schon einmal einen elektrischen Unfall?“, das sind die üblichen und noch harmlosesten Stellungnahmen der Elektrofachkräfte.

Unterweisung von Elektrofachkräften muss sachliche Argumente für sicherheitsbewusstes Verhalten liefern

In dieser Situation ist es bei einer Unterweisung zum Thema „elektrische Sicherheit“ von besonderer Bedeutung, mit hieb- und stichfesten Argumenten sowie physikalischen und in Zahlen belegbaren Fakten die Unterweisung der Elektrofachkräfte zu gestalten und diese von der Notwendigkeit sicheren Verhaltens zu überzeugen. Nur so kann erreicht werden, dass die Elektrofachkräfte auch bei der Routine und beim Zeitdruck der Tagesarbeit ihren Respekt vor der Gefährdung durch die elektrische Energie nicht verlieren und sowohl beim Bau als auch beim Betrieb der elektrischen Anlagen, wozu auch das Ergänzen, Ändern, Instandsetzen und Prüfen gehören, die einschlägigen gesetzlichen, berufsgenossenschaftlichen und durch Normen festgeschriebenen Sicherheitsmaßnahmen beachten und durchführen.

Einflussfaktoren der Letalität bei Körperdurchströmung

Grundlegende Beurteilung der Wirkung des elektrischen Stroms auf das menschliche Herz

Die Frage nach der Beurteilung des Grenzrisikos für das Auftreten von Herzkammerflimmern beim Menschen vergleicht die Ergebnisse tierexperimenteller Untersuchungen über die Flimmerwahrscheinlichkeit des Herzens bei elektrischen Durchströmungen, die bislang Grundlage für die Festlegung von Gefährdungsgrenzen in den DIN-VDE-Bestimmungen und IEC-Berichten sind, mit den Untersuchungsergebnissen über die Letalität von Stromunfällen. Letalität bedeutet hier: Anteil der tödlichen Unfälle an einer betrachteten Gesamtzahl von Unfällen mit gleichen Unfallmerkmalen. Dieser Vergleich basiert auf statistischen Auswertungen des Unfallgeschehens durch elektrischen Strom von Personen.

Mehr zum Thema Stromunfälle

Auch Ergebnisse von zeitaufwendigen Computerberechnungen an dreidimensionalen Modellen von Mensch und Tier mit Nachbildung der Gewebeleitfähigkeiten bei unterschiedlich vorgegebenen Stromwegen werden berücksichtigt. Dabei ergibt sich ein besonderer Einblick in die elektrophysiologischen Gegebenheiten bei der elektrischen Durchströmung des menschlichen Körpers, wie sie beim Stromunfall gegeben sind. Dies dürfte im Hinblick auf die Wertung der bislang bestehenden Gefährdungsgrenzen als sehr wesentlich zu erachten sein.

Unabhängig von den grundsätzlichen Aussagen über die Letalität erhält man statistisch belegte Informationen zu einer Reihe von Unfallparametern und den maßgeblichen Einflussgrößen.

Durchströmung von Hand zu Fuß ist besonders gefährlich

So wird man z.B. praktischen Nutzen aus der Feststellung ziehen können, dass die Letalität (Todesrate) bei einer Durchströmung von den Händen zu den Füßen etwa vierfach größer ist als beim Durchschnitt der elektrischen Unfälle und 6,6-fach größer als beim Stromweg Hand – Hand. Die alte „Elektrikerweisheit“, beim Besichtigen und Beurteilen in Betrieb befindlicher elektrischer Anlagen bzw. beim Betreten abgeschlossener elektrischer Betriebsstätten stets eine oder möglichst beide Hände in den Taschen zu halten, findet durch einige der statistisch belegten Feststellungen durchaus ihre Bestätigung.

Stromstärke und Durchströmungszeit sind für die Folgen entscheidend

Dass die Gefährdung bei elektrischer Durchströmung nicht nur von der Stromstärke bzw. der überbrückten Spannung und den Impedanzen im Unfallstromkreis abhängt, sondern auch von der Durchströmungsdauer, also zeitabhängig ist, leuchtet jedem Praktiker schon fast gefühlsmäßig ein; durch die nachfolgend eingefügten Rechenbeispiele wird dies aber auch in vollem Umfang bestätigt.

Der Unterweisende, z.B. im Betrieb, aber auch an Berufs- und Fachschulen, wird bei den verwendeten Darstellungen zweifellos mit einem Wissensstand konfrontiert, der der „praktizierenden Elektrofachkraft“ in vielen Einzelheiten und Passagen der Abhandlung recht abstrakt und theoretisch erscheinen wird.

Unterweisung setzt theoretische Erkenntnisse in praktisches Wissen um

Andererseits wird dem Unterweisenden aber dadurch auch die Möglichkeit gegeben, gegenüber dem zu unterweisenden Personenkreis einen Wissensvorsprung zu gewinnen, der ihn befähigt, kritischen und hintergründigen Fragen der Adressaten zu begegnen und damit einerseits seine Autorität und andererseits den Erfolg der Unterweisung und damit der Vermittlung von Fachwissen zu verbessern.

Schwellendosis – ein Begriff, der über die Elektrotechnik hinausgeht

Der Begriff Schwellendosis aus der Pharmakologie im Verhältnis zum Schwellenwert des elektrischen Stroms bei der Durchströmung des menschlichen Körpers ist z.B. ein Vergleich, der sowohl das Allgemeinwissen verbessern als auch eine Bestätigung dafür liefern kann, dass viele Elektrofachkräfte schon Durchströmungen erlitten haben, ohne dass dabei körperliche Schädigungen entstanden sind. Volkstümlich spricht man hier von einem „Alles-oder-nichts-Gesetz“, das durch Schwellenwerte beschrieben wird, eine Regel, die sich an vielen Stellen in der Natur findet. Dabei ist jedoch anzumerken und wird in der Abhandlung deutlich werden, dass die Schwelle beim komplexen Organismus des menschlichen und tierischen Körpers kein diskreter Festwert ist, sondern eine biologisch bedingte Varianz aufweist, was grundsätzlich dazu angetan ist, keine diskreten Grenzwerte anzugeben, sondern Sicherheitsgrenzen über Risikobetrachtungen zu formulieren.

Bisherige Feststellungen sind möglicherweise neuen Erkenntnissen anzupassen

Die als Konsequenz aus den in der Abhandlung zusammengestellten Untersuchungsergebnissen entstandene Überlegung, die in der IEC-Publikation 60479 bzw. in DIN VDE 0141-479:1996-02 festgelegte Grenzkurve zu revidieren und dabei als Geradenzüge zu höheren Stromstärken (nach rechts) zu verschieben, die mit einer Risikoaussage verbunden sind, ist ein Tatbestand, der durch die Praxis im Unfallgeschehen bestätigt wird. Diese Situation ist vorhanden, wenn z.B. bei kurzzeitiger Durchströmung des Körpers keine Folgen aufgetreten sind, obwohl nach Sachlage der Unfalluntersuchung durchaus auch ein tödlicher Ausgang des Unfalls möglich bzw. zu erwarten gewesen wäre.

Unterweisung der Elektrofachkraft setzt solides Fachwissen voraus

Insoweit ist der folgende Bericht eine Hilfe für jede in Führungsfunktion tätige Elektrofachkraft, die ihren Mitarbeitern die „Hintergründe“ und Ursachen der Folgen einer elektrischen Durchströmung des menschlichen Körpers erläutern muss. Sie kann sich daraus die notwendigen Folgerungen für die praktische Arbeit der Elektrofachkräfte ableiten und diese Folgerungen als elektrospezifische Sicherheitsmaßnahmen schlüssig und aussagekräftig vermitteln.

Diesen Textauszug und weitere Informationen zu den Themen Stromunfällen und Unterweisung finden Sie in "Die Elektrofachkraft in der betrieblichen Praxis"

Dr. Dieter Kieback ist Fachautor

Veröffentlicht:
2009-12-03

Diesen Artikel bookmarken bei...
Mister Wong del.icio.us Folkd Furl Google Linkarena oneview Yahoo MyWeb BlinkList YiGG Webnews
Vorteile für registrierte Nutzer
Als registrierter Benutzer von Elektrofachkraft profitieren Sie von vielen Vorteilen:
  • Vorlagen, Checklisten und Arbeitshilfen zum Download
  • uneingeschränkte Nutzung des Bilderpools
  • Teilnahmemöglichkeit an Gewinnspielen

Die Registrierung dauert nur einen Moment und Sie können im Anschluss sofort alle Vorteile nutzen.

jetzt registrieren…