Gefährdungsbeurteilung
Bei > 30 °C Außentemperatur erfroren!
Wie soll das denn gehen?!
Werden Sie dazu vermutlich sagen... aber auch das kann passieren - wie, lesen Sie hier:
Heinz F., seines Zeichens Elektrofachkraft, wurde für eine Instandhaltungsarbeit im Bereich eines Lüfungsschachtes beauftragt. Er hatte die Reparaturarbeiten dirket neben der Ansaugsseite der Belüftung auszuführen. Draussen herrschten herrlich sommerliche Temperaturen von gut 30 °C.
Bei > 30 °C zum Eiszapfen werden ?!?!
Also ein ganz praktischer Arbeitsplatz für diese Wärme - zumindest solange es einem richtig gut geht.
Er freute sich über die nicht so heiße Ecke an diesem Sommertag... doch dann stolperte Heinz F. und fiel zu Boden. Er verletzte sich zwar nicht schwer, doch war er erst einmal bewusstlos. Dort lag er nun - ausreichend gekühlt, um nicht ins Schwitzen zu kommen... ein Hitzschlag war also ausgeschlossen ... und dann?
Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass es empfindlich kühl werden kann, wenn man abends einfach so im Wohnzimmer vor dem Fernseher einschläft? Beim normalen Sitzen war es ja noch warm genug - aber eben nur, solange man wach war und sich bewegte. Doch schläft man, merkt man deutlich, dass es kühl oder kalt wird auf dem Sofa.
Ihr Vorteil auf dem Sofa: es gibt keinen Wind!
Nachteil für Heinz F.:
er liegt direkt im Ansaugluftstrom der Lüftung. Jegliche Wärme, die sein Körper für den Wärmeerhalt produziert, wird sofort abgesaugt. Ein Effekt, den Sie vom Winter und entsprechendem Wind selbst kennen. Betrachtet man jedoch die gefühlte Temperatur aufgrund der Windgeschwindigkeit, also den Windchill, so liegt unser Heinz F. nicht bei warmen 30°C, sondern bei erheblich niedrigeren Temperaturen vor der Lüftung. Dies führt über einige Stunden (8:00 Uhr war der Beginn der Arbeit) zu einer erheblichen Auskühlung. Zudem fielen seine Muskelbewegungen, die man im Schlaf noch machen würde, um sich zu erwärmen, aufgrund der Bewußtlosigkeit auch noch weg. Wegen der Bewußtlosigkeit spürt Heinz F. die Kälte gar nicht und "erfriert" bei sommerlichen 30°C aufgrund der Unterkühlung seines Körpers.
Die Kollegen finden ihn ohne große Verletzungen - aber leider nur noch tot.
Was lief hier schief?
Bevor Sie gleich weiterlesen, überlegen Sie bitte selbst, was ihnen an diesem Fall kritisch erscheint.
Wie sieht es mit dem Thema Gefährdungsbeurteilung aus? Hatte Heinz F. überhaupt eine Idee, welch auskühlende Wirkung von diesem Arbeitsplatz ausgeht? Wer hat ihn eingewiesen und davor gewarnt?
Hätte Heinz F. hier überhaupt alleine arbeiten dürfen? Eine Rufverständigung hätte hier aufgrund des Sturzes auch nichts geholfen - wer bewußtlos ist, kann nicht mehr rufen.
Also wäre zumindest der Kontrollgang, ein Sichtkontakt oder eine Personen-Notsignalanlage (PNA) notwendig gewesen. Die PNA hätte dann auf die horizontale Lage oder auf das lange sich nicht bewegen von Heinz reagiert.
Wer wußte überhaupt, dass Heinz F. gerade zu dieser Zeit dort arbeitete?
Sich beim Analgenverantwortlichen oder einem anderen Mitarbeiter zu melden hat also weniger mit Kontrollierbarkeit, als viel mehr mit ihrer eigenen Sicherheit zu tun. Nur wer weiß, wo Sie sind, kann Sie auch suchen und rechtzeitig finden!
Autorin: Marion Stühler


