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Unfälle mit Elektrofachkräften, Teil 2

Fehlhandlungen mit schweren Folgen

Im Schaltschrank ein Werkzeug fallen gelassen, bei der Messung abgerutscht… Es sind die kleinen Versehen des Alltags, die oft aus reiner Glückssache folgenlos bleiben. In manchen Fällen aber wird dadurch ein Lichtbogen ausgelöst, durch den die hantierende Elektrofachkraft schwere Verbrennungen erleidet.

Achtung: Hochspannung!

Achtung: Hochspannung!

Stromunfälle am Arbeitsplatz treten zwar vergleichsweise selten auf, doch ihre Folgen sind meist besonders gravierend: Die Sterblichkeitsrate ist etwa 25 Mal so hoch wie bei anderen Arbeitsunfällen. Immer wieder werden die Gefahren beim Einsatz ungeeigneter und schlecht gewarteter elektrischer Anlagen und Betriebsmittel unterschätzt. Und immer wieder fehlt ein entscheidendes Detail, die persönliche Schutzausrüstung.

Selbst Fachkräfte sind sich der Risiken oft nicht bewusst, wie zum Beispiel Berichte des Instituts zur Erforschung elektrischer Unfälle zeigen.

Die blanke Schraube berührt

Bei einem Kontrollgang durch seinen Betrieb sollte ein Elektriker die Schaltanlagen besichtigen und Mängel dokumentieren, so lautete zumindest der Auftrag. Doch als der Mann in einer 20-Kilovolt-Schaltzelle einen Ölfleck unterhalb des Leistungsschalters bemerkte, wollte er der Ursache spontan auf den Grund gehen. Mit einem Vierkantschlüssel öffnete er die Gittertür und entdeckte auch gleich die Quelle des Lecks: Eine blanke Schraube, die unter der Hochspannung von 20 Kilovolt stand. Das muss der Mann übersehen, vergessen haben oder er vertraute zu sehr auf sein Geschick: Mit der Hand versuchte er, die tropfende Stelle zu erreichen, verursachte einen Erdschluss und einen Kurzschluss zu einer weiteren Phase über den Arm. Der Betriebselektriker zog sich durch den Lichtbogen schwere Verbrennungen zu. Mehr zum Thema Stromunfälle.

Stecker fällt auf Sammelschiene

Wie schnell unvorsichtige Handlungen zu schweren Unfällen führen, bestätigen auch Praxisbeispiele des Schweizer Starkstrominspektorats. So mussten bei Arbeiten in einer Trafostation die Sekundärschalter mit 2 500 kVA ausgefahren und in der Werkstatt revidiert werden. Gesagt, getan: Die Monteure schalteten den Leistungsschalter ab und fuhren in Trennstellung. Als sie den Stecker des Steuerkabels herauszogen, fiel dieser mit seinem Metallgehäuse auf die Sammelschiene der NS-Hauptverteilung. Ein Störlichtbogen war die Folge, der Monteur erlitt schwere Verbrennungen.

In diesem Fall spielten wohl eine ungünstige Disposition der Anlage und eine unvorsichtige Handlungsweise zusammen, und dennoch waren es wieder die klassischen Fehler: Die Monteure verwendeten keine PSA und vernachlässigten die Fünf Sicherheitsregeln. Dem Bericht zufolge hätte die NS-Hauptverteilung für die Revisionsarbeiten ausgeschaltet werden können, da die gesamte Trafostation nicht für den Betrieb benötigt wurde. Die Experten von der Kontrollstelle weisen darauf hin, dass die flexiblen Steuerkabel zu den Leistungsschaltern so zu sichern sind, dass unter keinen Umständen ein Kontakt zu den Sammelschienen zustande kommen kann.

Mit den Prüfspitzen abgerutscht

Und noch ein Beispiel: Ein Netzelektriker sollte die Zuleitung einer Verteilkabine von 1 200 auf 1 500 Ampere verstärken. Die Kabine wurde von einer Trafostation gespeist, bei der zwei Trafos mit je 630 kVA parallel geschaltet waren. Die Eingangselemente wurden in spannungslosem Zustand ersetzt.

Nach getaner Arbeit schalteten die beauftragten Monteure die Spannung wieder ein, um die Drehfeldrichtung zu kontrollieren. Einer der Männer setzte,  im Schacht der Verteilkabine stehend, die Prüfspitzen am Eingang des Einspeiseelements an. Sein Kollege stand direkt hinter ihm, mit dem Drehfeldprüfer in der Hand. Bei der Messung rutschte der erste Monteur mit den Messspitzen ab und verursachte einen Störlichtbogen zwischen den Pol-Leitern L1 und L2. Er trug schwere Verbrennungen davon.

Die PSA lagerte im Auto

Ursache war auch hier eine Verkettung gleich mehrerer Nachlässigkeiten. Nach Ansicht der Experten wurde die hohe Kurzschlussleistung unterschätzt; die Risiken wurden vor Arbeitsbeginn nicht ermittelt. Persönliche Schutzausrüstung war zwar vorhanden, lagerte aber im Fahrzeug der Monteure. Der Verunfallte war nur mit einem T-Shirt bekleidet.


Autorin: Christine Lendt, www.recherche-text.de
Frau Lendt ist freie Journalistin.



Veröffentlicht:
2009-04-30

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