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Unfälle mit Elektrofachkräften, Teil 1

„Leichtsinn und mangelhaftes Fachwissen“

Ein Titel allein schützt vor Stromschlägen nicht: Nach aktuellen Studien ist häufig elektrotechnisch geschultes Personal an Stromunfällen beteiligt. Da werden ernsthafte Risiken schon mal mit lapidaren Kommentaren abgetan, wie ein Blick in die Branche zeigt.

Unfallursache Leichtsinn

Unfallursache Leichtsinn

Aufschlussreiche Zahlen liefern das Institut zur Erforschung elektrischer Unfälle der Berufsgenossenschaft der Feinmechanik und Elektrotechnik (BGFE) sowie der Fachbereich BK-Ermittlung und Statistik der BG Elektro Textil Feinmechanik.

Hauptunfallquelle: Planmäßige Arbeiten

Im Jahr 2007 verzeichnete die BGFE insgesamt 479 meldepflichtige Stromunfälle, sieben davon mit Todesfolge. Ähnlich sahen die Werte in den Vorjahren aus, wobei die Zahl in 2005 mit 522 Unfällen etwas höher lag und 2006 „nur“ einer von insgesamt 472 Unfällen tödlich endete. Dennoch: Die Wahrscheinlichkeit eines tödlichen Ausganges ist bei einem Stromunfall mehr als 25 Mal höher als bei anderen Arbeitsunfällen.

Die der BG ETF gemeldeten Stromunfälle (bis 1 000 Volt) verteilten sich im Zeitraum 1998 bis 2007 folgendermaßen auf die elektrotechnischen Tätigkeiten:

  • Erweitern, Ändern, Abbauen: 52,4 %
  • Messen, Prüfen, Störungssuche: 26,1 %
  • Instandsetzen, Beseitigen von Störungen: 13,2 %
  • Sonstiges: 8,3 %


Das bedeutet: Mehr als die Hälfte der Stromunfälle passieren bei planmäßigen Arbeiten, also in Fällen, bei denen die Anlagen eigentlich zuvor frei geschaltet werden (müssten).

Rückgang der Störlichtbogenunfälle
Über die Jahrzehnte konnte der Anteil der Störlichtbogenunfälle reduziert werden. Er lag im Jahr 1969 noch bei mehr als 50 Prozent und 2004 bereits knapp unter 20 Prozent. Seit Anfang der achtziger Jahre ging der Wert fast stetig zurück.

Grund zur Entwarnung besteht indes nicht: Störlichtbogenunfälle sind mit einem besonders schweren Verlauf verbunden, bei dem am häufigsten Hände, Gesicht und Hals betroffen sind. Neben den vorrangig durchzuführenden technischen Maßnahmen zur Vermeidung eines Störlichtbogens ist die Verwendung der Persönlichen Schutzausrüstung obligatorisch. Der Großteil der Lichtbogenunfälle (72,6 Prozent) ereignete sich im Zeitraum 1998 bis 2007 bei Arbeiten an Betriebsmitteln zur Verteilung.

VDE 0100 Teil 410 gilt jetzt umfassend
Über 50 Prozent der Stromunfälle treten an Betriebsmitteln der NS-Verteilung auf. Bei den Störlichtbogenunfällen sind es sogar zwei Drittel. Das BGFE-Institut plädiert deshalb für eine Verbesserung des Berührungsschutzes und eine weitere Sensibilisierung gegenüber den elektrischen Gefahren ‒ das gelte auch für Elektrofachkräfte.
Seit dem 1. März 2009 müssen die Vorgaben der Pilotnorm VDE 0100 Teil 410 („Errichten von Niederspannungsanlagen“) konsequent für alle Verteilungen übernommen werden, also zum Beispiel auch für Kabelverteilerschränke und Hausanschlusskästen. Sachverständige berichten jedoch, dass es in vielen Fällen immer noch zu Fehlanwendungen kommt.

„Mir kann nichts passieren…“
Die Zahlen belegen auch, dass auch Profis die Gefährdungssituation beim Umgang mit Elektrizität mitunter falsch einschätzen: Bei rund 85 Prozent der gemeldeten Stromunfälle sind Elektrofachkräfte betroffen.

Dr.-Ing. Jens Jühling vom Institut zur Erforschung elektrischer Unfälle führt dieses Verhalten auf die Tatsache zurück, dass das Phänomen elektrischer Strom nicht unmittelbar wahrnehmbar und eine Abschätzung der Gefahr nicht möglich ist. Verbreitet seien auch Ansichten wie „Mir kann nichts passieren. Ich bin Elektriker und weiß, wie ich mich richtig zu verhalten habe“. Weisen Dritte auf die Gefahr hin, seien auch Kommentare wie „Bei Hochspannung sehen die Dinge anders aus, aber Niederspannung von 230 V kann mir doch nichts anhaben“ keine Seltenheit. Solche Redensarten und Denkweisen, betont Jühling, zeugen von Leichtsinn und mangelhaftem Fachwissen.

Missachtung der Sicherheitsregeln in Zahlen
Fälle von Fehlhandlungen, die schon zu zahlreichen Stromunfällen geführt haben, ziehen sich (teilweise in unveränderter Form) durch die Unfallauswertungen von Jahrzehnten. Bei den Elektrofachkräften ist vor allem die Missachtung der Fünf Sicherheitsregeln eine häufige Unfallursache.
Am wenigsten wird die 1. Sicherheitsregel (Freischalten der Anlage) eingehalten: Fast jeder fünfte der bei der BGFE gemeldeten Stromunfälle ging in den Jahren 2003 bis 2007 darauf zurück. Die Ignoranz bezüglich der 3. Sicherheitsregel (auf Spannungslosigkeit prüfen) war bei rund zehn Prozent der Unfälle maßgeblich. Aber auch die einzuhaltenden Sicherheitsabstände zu unter Spannung stehenden Teilen werden beim Arbeiten in der Nähe oft unterschätzt.

Fazit
Die Experten des BGFE-Instituts weisen ausdrücklich darauf hin: Gerade elektrotechnisches Fachpersonal sollte sich immer wieder die Bedeutung sicherheitsbewussten Verhaltens in das Bewusstsein rufen. Oft ist es reine Glückssache, dass Fehler glimpflich verlaufen. Aber: Der „kleine Wischer“ vom Vortag kann schon heute tödlich enden.

Linktipp
Mehr zum Thema Unfallursachen finden Sie in diesem  Beitrag.

Autorin: Christine Lendt, www.recherche-text.de
Frau Lendt ist freie Journalistin.

Veröffentlicht:
2009-04-14

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