Krank durch Felder
Ein Mysterium zwischen Wahrheit und Fantasie
Elektrische, magnetische und elektromagnetische Felder sind überall in unserer Umwelt allgegenwärtig. Kommt es durch sie zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen und Krankheiten? Kaum eine andere Frage wird in der Bevölkerung so kontrovers diskutiert und verursacht so viele Ängste und Befürchtungen. Was ist Wahrheit und was nur Fantasie? Wie und wo gelangt man zu seriösen Informationen? Welchen Stand haben die medizinischen Forschungen und Untersuchungen auf diesem Gebiet? Dies sind einige der sehr interessanten Fragen, denen sich dieser Beitrag widmen will.
Krank durch elektromagnetische Felder
Die Gesundheit ist eines der wichtigsten Dinge in unserem Leben. Sie ist eine Grundvoraussetzung für ein glückliches, zufriedenes und sinnerfülltes Leben. Die meisten von uns tun eine Menge, um diese zu erhalten. Wir treiben Sport, ernähren uns ausgewogen und versuchen unser Gewicht zu halten oder zu reduzieren, um nur einige wenige Dinge zu nennen. Doch wie ist es mit gesundheitsschädigenden Einflüssen, die von außen kommen? Sachen, die wir zumindest auf den ersten Blick gar nicht selbst beeinflussen können? Die Luftverschmutzung nimmt zu, der Lärmpegel in unserer Umwelt steigt, in unserer Nahrung befinden sich zunehmend Substanzen, die nicht gerade gesundheitsfördernd sind und unsere Tage werden immer stressiger. Was können wir alle auf diesen Gebieten tun? Hier, liebe Elektrofachkräfte, kann und muss natürlich jeder einzelne durch seine eigene Lebensweise und sein Verhalten einen Beitrag leisten. Vor allem sind aber auch der Staat und seine Gesetzgebung gefragt und gefordert. In die letzte Gruppe gehören auch die Gesundheitsgefahren, die durch elektromagnetische Felder hervorgerufen werden.
Elektrische, magnetische und elektromagnetische Felder wirken permanent in unterschiedlichen Stärken auf uns ein. Teils haben sie einen natürlichen Ursprung, teils werden sie vom Menschen erzeugt. Man kann sie weder sehen, noch hören oder riechen. Dennoch sind sie vorhanden und wirken auf uns ein. Sowohl die Physik der Felder als auch der Nachweis ihrer biologischen Wirkungen sind sehr komplex und sehr kompliziert. Für die meisten Menschen haftet ihnen auch heute noch ein Hauch des Mystischen an, eine Gefahr, die ständig vorhanden und dennoch nicht fassbar ist. Hier besteht seriöser Aufklärungsbedarf. Diese Artikelserie zur EMVU (Elektromagnetische Verträglichkeit zur Umwelt) will dazu einen kleinen Beitrag leisten. Denn was wir täglich lesen, entspricht leider in manchen Fällen nicht unbedingt der Realität.
So können wir aus den Medien erfahren, dass Menschen an Krebs erkrankten, weil jemand sich ein neues Telefon gekauft hat, welches in einem Abstand von fast einem Kilometer betrieben wird. Wir erfahren, dass wir durch die Elektroinstallation in unseren Wohnhäusern krank werden und vieles andere mehr. Auch auf Grund derartiger Meldungen hat sich ein recht finanzkräftiger Markt etabliert, der uns nachweislich wirkungslose Dinge „zu unserem Schutz“ anbietet. Immer noch sind viele Menschen aber bereit, hohe Summen für derartige Produkte zu zahlen. Besonders bei verschiedenen Internet- und Kaffeefahrtangeboten sollte man lieber sehr vorsichtig beim Kauf sein.
Glücklicherweise gibt es aber nicht nur „schwarze Schafe“. Es wurde eine ganze Reihe sehr guter und hilfreicher Beiträge auf diesem Gebiet veröffentlicht. Leider sind diese viel zu wenigen Menschen bekannt. Beispielhaft seien an dieser Stelle drei dieser Quellen genannt.
- Studie des VDE (Verband Deutscher Elektroingenieure) „Gefahren durch den Mobilfunk“,
- Buchreihe von Prof. Brinkmann zu den biologischen Wirkungen elektromagnetischer Phänomene und
- Beiträge der Deutschen Strahlenschutzkommission.
Diese allgemein zugänglichen Veröffentlichungen sind seriös und spiegeln den gegenwärtigen Kenntnisstand auf diesem Gebiet wider. Sie sind so geschrieben, dass sie auch von medizinischen Laien sehr gut verstanden werden können.
Unter http://www.ssk.de kann man sich auf der Homepage der Deutschen Strahlenschutzkommission im Punkt „Strahlenschutzthemen“ --> „Thema 6: Elektromagnetische Felder“ einen sehr guten Überblick verschaffen und findet in den Publikationen zu durchgeführten Studien auch Antworten auf spezielle Detailfragen.
Die Gesamtproblematik möglicher Beeinträchtigungen der menschlichen Gesundheit durch elektromagnetische Felder ist sehr komplex. Da man auch Langzeitwirkungen berücksichtigen muss, benötigt man zum Teil Jahrzehnte zur Durchführung relevanter Studien und der Ableitung von Schlussfolgerungen. Bis jetzt konnte noch nicht jedes Detail und jede Einzelwirkung abschließend geklärt werden. Der gegenwärtige Stand beinhaltet sowohl sehr viele zweifelsfrei nachgewiesene bzw. entkräftete als auch gegenwärtig noch strittige oder unklare Punkte.
Mögliche Wirkungen sind je nach Art des Feldes (magnetisch, elektrisch, elektromagnetisch) und Frequenzbereich sehr unterschiedlich. Nachfolgend sollen nur einige wenige, aber sehr oft diskutierte Probleme dargestellt werden. Ein wesentlich umfassenderes Bild wird sich dem Leser bei einem Studium der oben angeführten Dokumente ergeben. Es sei an dieser Stelle noch einmal darauf hingewiesen, dass es sich bei den nachfolgenden Ausführungen nicht um Forschungsergebnisse des Autors, sondern die Ergebnisse medizinischer Studien, beispielsweise so namhafter Mediziner wie Herrn Prof.(em.)Dr.med.E.David (ehemals Universität Witten/Herdecke) und den Wissenschaftlern der Tierärztlichen Hochschule Hannover, handelt.
Potentielle Wirkungen statischer Felder
Im statischen Bereich unterscheidet man zwischen elektrischen und magnetischen Feldern.
Statische elektrische Felder sind überall dort zu finden, wo mit großen Gleichspannungen gearbeitet wird bzw. große Kapazitäten aufgeladen werden. Schirmungsmaßnahmen gegen statische elektrische Felder gestalten sich in den meisten Fällen recht einfach. Diese bewirken dann gleichzeitig eine geringere Exposition des Menschen im Bereich dieser Felder und eine Verbesserung der Elektromagnetischen Verträglichkeit (EMV).
Die Auswirkungen auf biologische Objekte sind eher harmloser Natur. Es kommt zu Ladungsansammlungen auf der Körperoberfläche (Influenz) und daraus resultierend zu Kraftwirkungen, die beispielsweise ein Aufrichten von Körperhaaren bewirken können. Ebenso sind Entladevorgänge gegen metallische Körper möglich. Auftretende Wirkungen sind auf die Körperoberfläche begrenzt.
Statische magnetische Felder sind häufiger anzutreffen. So ist der Mensch ständig einem derartigen Feld mit einem Flussdichtewert, der in Deutschland zwischen 35 µT und 40 µT liegt, ausgesetzt. Es handelt sich um das Erdmagnetfeld. Vom Menschen generierte, relevante 0-Hz-Magnetfelder treten dort auf, wo hohe Gleichströme fließen, beispielsweise im Bereich von Straßenbahnoberleitungen. Aber auch verschiedene Geräte können die Feldquelle bilden. Ein Beispiel dafür sind Computertomographen (medizintechnisches Gerät). Im Inneren dieser Geräte werden üblicherweise sehr hohe Flussdichtewerte im Tesla-Bereich erreicht.
Mögliche Wirkungen sind vor allem
- eventuelle Kraftwirkungen auf Implantate und
- Spannungsinduktionen in bewegten Körperteilen.
Für einen gesunden Menschen gestalten auch diese Felder sich eher als harmlos. Vorsicht ist besonders bei Risikopatienten angebracht. Deshalb wurden für diesen Bereich Grenzwerte festgelegt.
Potentielle Wirkungen niederfrequenter Felder
In der EMVU gelten Felder in einem Frequenzbereich von 1 Hz bis 100 kHz als niederfrequent. Für die meisten anderen Bereiche gilt nach IEC-Definition (IEC=Internationale Elektrotechnische Kommission) eine Obergrenze von 9 kHz.
Der größte Anteil niederfrequenter elektrischer bzw. magnetischer Felder wird durch unsere Energienetze (Deutschland: 50 Hz, 16 2/3-Hz Bahnanwendungen) abgestrahlt. Der Schwerpunkt der Diskussionen bezüglich biologischer Auswirkungen liegt eindeutig bei den niederfrequenten Magnetfeldern. Besonders für dieses Phänomen liegen sehr viele Untersuchungen und Studien vor. So wurden beispielsweise Einflüsse niederfrequenter Magnetfelder auf den menschlichen Schlaf, das Zentralnervensystem und den Melatoninhaushalt untersucht. Es wurden Obergrenzen abgeleitet, bei deren Unterschreitung es aus Sicht der zu Grunde liegenden Forschungsergebnisse zu keinen Beeinträchtigungen kommt. Weiterhin wurde untersucht, ob bei dieser Art von Feldern, neben dem sogenannten „Schwelleneffekt“ auch ein „Dosiseffekt“ zu verzeichnen ist. Dies bedeutet, dass es nachweislich bei Überschreitung einer Schwelle, die bei sehr hohen Amplituden liegt, zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen kommen kann. Wie verhält es sich aber, wenn ein Mensch ständig der Exposition von Magnetfeldern geringer Amplituden ausgesetzt ist? Für ionisierende Strahlung, d.h. Röntgenstrahlung muss die Frage nach dem Dosiseffekt bejaht werden, jedoch glücklicherweise nicht für Magnetfelder. Diese Aussage wird durch sehr viele medizinische Studien gestützt.
Besonders heftig wird in der Bevölkerung die Frage der Entstehung von Leukämie, insbesondere auch bei Kindern diskutiert. Hierzu gibt es unter anderem mehrere Langzeitstudien (20 ... 25 Jahre), die untersuchen sollten, ob es zu einem gehäuften Auftreten von Leukämie bei Personen aller Altersgruppen kommt, die in der Nähe von Freileitungen wohnen. Die zusammengefassten Ergebnisse besagen übereinstimmend, dass nichts darauf hindeutet, dass Krebszellen durch eine derartige Magnetfeldbeaufschlagung entstehen. Es gibt allerdings leichte Anzeichen dafür, dass eine bereits vorhandene Krebserkrankung in ihrem Verlauf etwas beschleunigt werden könnte.
Potentielle Wirkungen hochfrequenter Felder
Bei hochfrequenten, elektromagnetischen Feldern kommt es in erster Linie zu thermischen Wirkungen auf den Organismus. Das Gewebe einzelner Organe erwärmt sich. Dies kann bei sehr hohen Leistungsdichten zu Temperaturüberhöhungen mit verschiedenen Auswirkungen führen. Besonders kritisch sind schlecht durchblutete Organe anzusehen. Erhöht sich beispielsweise die Temperatur des Auges um 7°C, so führt dies zu einer Linsentrübung. Der Mensch erblindet irreversibel. Bei gut durchbluteten Organen erfolgt über den Blutstrom eine Wärmeableitung, die einen Schutz für die betreffenden Organe bildet.
Weiterhin werden mitunter sogenannte athermische Effekte, wie Veränderungen in den kognitiven Funktionen, Veränderungen im Melatoninhaushalt und Veränderungen der Blut-Hirn-Schranke diskutiert. Nach derzeitigem Kenntnisstand der Mediziner deutet in den Forschungsergebnissen nichts auf derartige athermische Auswirkungen hin.
Die Ergebnisse der zahl- und umfangreichen Untersuchungen sind natürlich auch hier mit hohen Sicherheitsfaktoren in die gesetzlichen und normativen Grenzwertfestlegungen eingegangen.
Somit haben wir zum Schutz der Bevölkerung eine der härtesten Grenzwertfestlegungen weltweit. Nur die Schweiz hat noch strengere Festlegungen.
Natürlich darf man bei den Betrachtungen zu möglichen gesundheitlichen Beeinträchtigungen auf gar keinen Fall den psychologischen Faktor vernachlässigen. Wie schon erwähnt, bestehen in weiten Teilen der Bevölkerung große Unsicherheiten und Ängste. Es ist psychologisch nachgewiesen, dass man jede denkbare Krankheit auch aus psychologischen Gründen bekommen kann. Wer also über sehr lange Zeiträume Angst hat, eine Krankheit zu bekommen, beispielsweise weil er in der Nähe einer Freileitung oder einer Mobilfunkstation wohnt, sollte ernsthaft über einen Umzug nachdenken, auch wenn hierzu keine medizinische Notwenigkeit besteht.
Der nächste Artikel in der Serie zur EMVU wird sich mit den Feldquellen und Methoden zur Abschätzung von Feldstärken beschäftigen, bevor dann die einzelnen Gesetze und Normen zur EMVU behandelt und beleuchtet werden.
Autor: Gerd Zschau vom Elektrotechnisches Institut der Technische Universität Dresden


