Die Anti-Stress-Strategie
Volker K., Elektroinstallateur, verharrt wütend mit starrem Blick, den Schraubenzieher in der zitternden Hand. Sein Blut pocht in den Adern, der Adrenalinspiegel steigt, der ganze Körper ist auf „Flucht oder Angriff“ programmiert. Doch wo ist er nur, sein Feind?
Die Anti-Stress-Strategie
Die Antwort: Im Büro im zweiten Stock. Sein Kunde, Herr Miesepeter von der Haudrauf GmbH, hat sich mal wieder im Ton vergriffen, nachdem Herr K. ihm die Abrechnung seiner letzten Einsätze vorgelegt hatte. Dafür müsse er ja wohl heute umsonst arbeiten, brüllte der Boss. Dabei war doch alles so vereinbart gewesen.
Armer Herr K., als sei der Ärger an sich nicht schon genug, hat ihm das Streitgespräch auch noch den ganzen Arbeitstag verhagelt. Dabei müsste er sich doch jetzt auf die Prüfung der Anlage konzentrieren. Was ihm gerade nicht bewusst ist: Sein Körper leidet ordentlich mit. Kaum ein Trost, aber Tatsache: Herrn Miesepeter lebt mit seiner cholerischen Art auch nicht gesünder.
Negativer Stress macht krank
Beide haben sich gerade in eine enorme Stresssituation gebracht, und zwar in eine, die nicht gut tut. Denn man unterscheidet zwischen positivem und negativem Stress: Bei ersterem muss der Mensch zwar auch viel leisten, aber er ist dabei erfolgreich und fühlt sich stark. Nach der Belastungssituation setzt eine Erholungsphase ein. Durch aktive Bewegung und Entspannungstechniken kann der Stress dann abgebaut werden. Bei negativem Stress dagegen überwiegen die Probleme. Er führt zu Hoffnungslosigkeit und Überforderung, bis hin zur totalen Erschöpfung oder Burnout.
Risiko Dauerstress
Wer sehr oft oder über einen langen Zeitraum negativen Stress empfinden muss ‒ etwa bei anhaltenden Geldsorgen oder einer Mehrfachbelastung ‒ kann daran Schaden nehmen, körperlich wie psychisch. Auch akut kann Stress Unwohlsein verursachen, zum Beispiel in Form von Kopfschmerzen.
Symptome auf mehreren Ebenen
Dr. med Julia Hofmann nennt typische Symptome von Stress:
- Verhalten: Leistungsrückgang, ungewohnte Fehler
- Körperreaktionen: Herz-Kreislauf-Beschwerden, Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Erschöpfung
- Emotionale Ebene: Hilflosigkeit, Mutlosigkeit, Unzufriedenheit, Gereiztheit
- Kognitive Ebene: Konzentrationsstörungen, Entscheidungsprobleme, Grübeln
Die Produktivität sinkt
Aber nicht nur Psyche und Gesundheit leiden: Stressbedingte Befindlichkeitsstörungen wirken sich zunehmend negativ auf die betriebliche Produktivität aus, berichtet die Deutsche Gesellschaft für Personalführung (DGFP). Das Problem: Aufgrund der Tabuisierung leiden Betroffene oft still vor sich hin und erhalten zu selten entsprechende Hilfe. Wichtig ist eine zeitgemäße Prävention und Gesundheitsförderung. Und dazu können Sie viel beitragen.
Entlarven Sie Ihre Stressoren
Stress kann viele Auslöser haben, man nennt sie auch „Stressoren“. Herr Miesepeter ist ein klarer Fall von einem Stressor. Überhaupt stehen Streit und Kritik bei den Auslösern ganz oben. Das kann natürlich auch mit dem Partner oder der Schwiegermutter passieren.
Weitere typische Stressoren sind
- Termindruck
- hohe Arbeitsbelastungen, aber auch Monotonie
- Misserfolge
- Existenzsorgen, (drohende) Arbeitslosigkeit
- Körperliche Leiden (z.B. Zahnschmerzen)
- Ängste (z.B. Flugangst, Prüfungsangst)
In vielen Fällen hilft es schon, den Stressor zu erkennen und ihm die Stirn zu bieten: Bei auftretenden Ängsten zum Beispiel können Sie eine entspannende Atemtechnik einsetzen (die ist übrigens bei allen Arten von Stress zu empfehlen).
Oft ist es möglich, dem Stressor anders zu begegnen: Herr K. hätte Herrn Miesepeter auch ganz ruhig und bestimmt erklären können, dass die Abrechnung so vereinbart worden ist. Manche Methoden der Stressbekämpfung.
Stress hat man nicht…
…man macht ihn sich. An diesem Spruch ist eine Menge dran. Denn oft liegt Stress gar nicht (nur) außen, sondern in der Reaktion des Menschen begründet, der ihn empfindet. Man ärgert sich unnötig oder setzt sich unter Leistungsdruck. Werden die eigenen Erwartungen nicht erfüllt, staut sich Frust an, der sich auf unkontrollierte Weise entladen kann. Wählen Sie lieber sanftere Leitsätze: „Ich möchte dies tun“ oder „Ich werde das schon schaffen“ statt „Ich muss das jetzt aber hinkriegen!“.
Gute Planung = weniger Stress
Ein klassischer Stressor ist Zeitdruck. Und wie entsteht er? Oft durch eine unüberlegte Planung. Legen Sie also regelmäßig ihre Ziele fest und setzen Sie Prioritäten. Mit einem effektiven Zeitmanagement können Sie deutlich mehr Ruhe in Ihr Leben bringen.
Durchatmen und Dampf ablassen
Und wenn es doch einmal knapp wird: Atmen Sie tief durch und erledigen Sie weiterhin alles mit Ruhe. Denn Hektik hilft überhaupt nicht weiter. Falls Sie oft unter Strom stehen und das schwer ablegen können, benötigen Sie vielleicht einen körperlichen Ausgleich. Bei sportlicher Betätigung kann man sehr gut Dampf ablassen ‒ und wenn es nur ein strammer Spaziergang ist. Anderen helfen eher Entspannungstechniken wie Yoga oder Meditation.
Fazit
Stress ist keine Geißel, die einem das Leben ewig schwer machen muss. Sie können ihn in den Griff kriegen. Oft bedarf es nur einer Veränderung der eigenen Einstellungen und Sichtweisen. Eine große Rolle spielt auch die Organisation: Delegieren Sie bei zu hoher Belastung einige Aufgaben an andere. Und die Miesepeter ‒ lassen Sie am besten in ihrem eigenen Saft schmoren!
Weiterführende Links
Autorin: Christine Lendt,
Frau Lendt ist Fachjournalistin, www.recherche-text.de


